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Programm Spielplan Konzerte 2017 Ausgewähltes Konzert
Sonntag | 21. Mai 2017 | 18:00 Uhr
Südamerikanische Entdeckungen
Anna Zassimova
Werkeinführung

„Man wird nicht imstande sein, die Vollendung in Erfindung und Form noch zu übertreffen, […] die alle Stücke auszeichnete, welche er unter dem Namen ‚Nocturne’ veröffentlicht hat. Dem Schmerze näher gerückt als die von Field, sind sie gerade darum bedeutungsvoller. Ihre düster schimmernde Poesie reißt uns mehr hin, aber beruhigt uns weniger.“ Mit diesen Worten hatte sich Franz Liszt einmal mehr vor dem Klaviersänger Frédéric Chopin verbeugt, den er besonders in dessen pianistischen „Nachtstücken“ wiedererkannte. Im Vergleich mit dem Iren John Field, der gemeinhin als Erfinder des „Nocturne“ gilt, machte Liszt deutlich, welche einzigartige Ausdruckstiefe Chopin in seinen insgesamt 21 Nocturnes erreicht hat. Die beiden Nocturnes op. 62 in H-Dur bzw. E-Dur stammen aus dem Jahr 1846 und sind magisch in sich ruhende, eine fast spätherbstliche Stimmung widerspiegelnde Seelenstücke des einzigartigen Klavierlyrikers Chopin.

Zu den unzähligen Pionierleistungen, die Chopin auf dem Gebiet der romantischen Klaviermusik zu verdanken sind, gehören zweifelsohne seine Reflexionen über die polnische Volksmusik. Neben den eher intimen Mazurken sind es vor allem die Polonaisen, mit denen er seine patriotischen Gefühle zum Ausdruck bringen konnte. Bis ins 16. Jahrhundert reichen die Wurzeln des Polonaise-Tanzes zurück. Im Laufe von zwölf Jahren komponierte Chopin sieben Polonaisen, die das mitreißend Tänzerische in den Mittelpunkt stellen. Die erste der beiden Polonaisen op. 26, die 1834/35 entstanden, schlägt zwar immer wieder einen markanten Rhythmus an. Doch statt brillant kommt er geradezu kämpferisch und aufwühlend daher – bevor er Platz macht für melancholisch-bittere Gedankenspiele. Nur der sanft-elegante Mittelteil scheint von den Wonnen des irdischen Daseins erzählen zu wollen.

Zu den berühmtesten Verbeugungen vor Chopin gehört zweifellos ein Ausruf von Robert Schumann: er feierte 1831 in seiner Besprechung von Chopins „Mozart-Variationen“ den Bewunderten mit den Worten „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ Geschrieben hatte Chopin das Werk 1827, und bei seinem Wiener Debüt 1829 eroberte er damit die Donau-Metropole im Sturm. Fast zehn Jahre später versuchte Robert Schumann ebenfalls in Wien sein Glück. Von Ende September 1838 bis März 1839 hatte er sich hier aufgehalten, um als Herausgeber seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ und als Komponist Fuß zu fassen. Seine Pläne sollten sich jedoch allesamt zerschlagen. Immerhin entstanden in dieser Zeit einige große Klavierwerke. Dazu gehören der „Faschingsschwank aus Wien“ op. 26, die „Humoreske“ op. 20 und nicht zuletzt die Arabeske C-Dur op. 18. Diese rondoartig angelegte Arabeske, die der Komponist „leicht und zart“ gespielt wissen wollte, besitzt bei aller salonhaften Gefälligkeit und Anmut eine harmonische Subtilität und agogische Freiheit, wie sie nur dem genialen Geist Schumanns entspringen konnte.

Wie Chopin war der Russe Nikolai Medtner Komponist und überragender Pianist in einer Person. Und wie der Pole fühlte sich Medtner ebenfalls der Volksmusik eng verbunden. 1920, ein Jahr vor seiner Übersiedlung nach Berlin, komponierte er die einsätzige, mit „Reminiscenza“ betitelte Sonate a-Moll Nr. 1 op. 38. Fast meint man aus ihrem intimen, gefühlvollen Tonfall einen Abschiedsgruß herauszuhören. In ihrer melodischen Beseeltheit steckt, was der kanadische Pianist Marc-André Hamelin einmal als „eine verhaltene Art der Verführung“ bezeichnet hat.

Verlockend sentimental und verführerisch schön kommen jene Klavierpiècen daher, die zu einer kleinen Reise in die beiden großen Musiknationen Brasilien und Argentinien einladen. Wie lange das Echo eines Chopin noch zu hören war, nämlich weit ins 20. Jahrhundert hinein, zeigen schon die Titel der ausgewählten Stücke wie „Noturno“ oder „Valse“. Trotzdem schwelgten Komponisten wie der Brasilianer José Antonio Rezende de Almeida Prado (1943 – 2010) nicht nur in der musikalischen Vergangenheit. Er besuchte in Paris die Klassen von Olivier Messiaen und Nadia Boulanger und bildete sich in Darmstadt bei György Ligeti fort. Von Almeida Prado ist heute das 1985 entstandene Noturno Nr. 4 zu hören. Eine Generation älter war Almeida Prados Landsmann José Vieira Brandão (1911 – 2002). 1951 komponierte er die erste von insgesamt vier Klavieretüden, einen irrwitzigen Geläufigkeitsparcours. Gewidmet ist Estudo Nr. 1 dem Jahrhundertpianisten Arthur Rubinstein. Fraglich ist aber, ob der bekennende Anti-Virtuose und musikalische Genussmensch Rubinstein dieses teuflisch schwere Bravourstück jemals gespielt hat. Schon eher hätte ihm wohl der wunderbar sentimentale, mit einem leichten Tango-Flair spielende Valsa de Esquina Nr. 1 zugesagt, den Francisco Mignone Ende der 1930er Jahre komponiert hat. Mignone (1897 – 1986) war neben Heitor Villa-Lobos einer der führenden brasilianischen Komponisten, studiert hat er u.a. am Mailänder Konservatorium. 1923 führten sogar die von Richard Strauss dirigierten Wiener Philharmoniker ein Orchesterwerk von ihm auf. Mit zwei Werken des Nadia Boulanger-Schülers Cláudio Santoro (1919 – 1989) nehmen wir Abschied von Brasilien und reisen weiter nach Argentinien. Hier lernen wir Carlos López Buchardo (1881 – 1948) kennen, der bei einem Schüler von Camille Saint-Saëns studierte. Buchardos einziges sinfonisches Werk, die „Escenas Argentinas“, wurde sogar von Meisterdirigenten wie Erich Kleiber, Wilhelm Furtwängler und Fritz Busch aufgeführt.

Mit einer Hommage an den Geiger und Komponisten Alfredo Gobbi sowie einer Etude tanguistique aus dem Jahr 1987 tauchen wir schließlich ein in die Welt des Tango Nuevo, dem Astor Piazzolla (1921 – 1992) seinen einzigartigen Ton verliehen hat. Kein Wunder, dass selbst die Grande Dame der Neuen Musik, Nadia Boulanger, hin und weg war von den Klängen, die Piazzolla ihr einmal in Paris vorgespielt hatte: „Dein Tango ist die neue Musik.”

Guido Fischer

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Werkeinfuehrung

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