Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Mittwoch | 05. Juli 2017 | 20:00 Uhr
Carnaval
Gabriela Montero

Unzählige Male wechselte Franz Schubert seinen Wohnsitz und suchte ein neues Zuhause bei Freunden oder Familienangehörigen oder quartierte sich in Gasthöfen ein. Im März 1827 zog er wieder einmal zu seinem Freund, dem Dichter Franz von Schober, der in der Nähe des „Roten Igels“, dem Sitz der Wiener „Gesellschaft der Musikfreunde“ wohnte. Gesundheitlich ging es ihm nicht gut, und betrübt schrieb er an seinen Freund Eduard von Bauernfeld: „Was wird aus mir armem Musikanten? Ich werde wohl im Alter wie Goethes Harfner an die Türen schleichen und um Brot betteln müssen!“ Dabei gehörte dieses Jahr wie auch sein Todesjahr 1828 zu den produktivsten: bei privaten und öffentlichen Veranstaltungen wurde seine Musik gespielt und er wurde zum Mitglied der „Gesellschaft der Musikfreunde“ gewählt. Neben der Winterreise und verschiedenen anderen Vokalkompositionen entstanden auch die Moments musicaux und zwei Serien der Impromptus. Schon Robert Schumann wies darauf hin, dass sie in der Abfolge und im Charakter einer viersätzigen Sonate ähneln. Schubert ging es jedoch darum, freie Stücke zu komponieren, die sowohl einzeln als auch zyklisch gespielt werden können. Dabei sind sie weniger auf Entwicklung als vielmehr auf das Variieren und Ausschöpfen eines musikalischen Kerngedankens angelegt. Statt der motivisch-thematischen Arbeit steht das freie Fantasieren im Vordergrund. Der Titel ‘Impromptu’ stammt ursprünglich nicht von Schubert: der Wiener Herausgeber Tobias Haslinger wählte diese Bezeichnung für die beiden ersten Stücke des D899, als er sie im Dezember 1827 veröffentlichte. Das letzte Paar dieser Sammlung erschien erst dreißig Jahre später, herausgegeben von Haslingers Sohn Carl. Vorbild für diese Bezeichnung waren wohl die Impromptus des böhmischen Komponisten Jan Václav Voříšek, die Schubert wahrscheinlich kannte. Das erste Impromptu in c-Moll hat eine volksliedhafte, sehr rhythmische Marschmelodie, die durch eine sanfte Begleitung ergänzt wird. Das fließende Thema endet ruhig in Dur. Auch die äußeren Abschnitte des zweiten Impromptus in Es-Dur gleiten ruhig dahin, der Mittelteil bietet einen explosiven Kontrast in H-Moll. Ungestüm kapriziös endet auch dieses Impromptu unvermittelt in Moll. Schubert komponierte das dritte Impromptu im in Bezug auf das zweite terzverwandten Ges-Dur. Für die Veröffentlichung und zur Vereinfachung für Amateurspieler stimmte Schubert einer Transposition nach G-Dur zu. Während das zweite Impromptu vom leichten Dur zum düsteren Moll fortschreitet, dreht Schubert dies im vierten Impromptu um: Obwohl das Stück in As-Dur steht, beginnt er mit as-Moll. Sechzehntelkaskaden erinnern an perlende Wasserspiele. Auch hier zeigt sich die typische Atmosphäre der Impromptus: berückend träumerisch und liedhaft idyllisch.

Zwar erwog Robert Schumann während seines Wien-Besuchs im Jahr 1838/39 kurz, sich dort niederzulassen, kehrte dann aber doch nach Leipzig zurück. Immerhin war die sächsische Großstadt das Zentrum der damaligen kompositorischen Avantgarde, und die dort erscheinende „Neue Zeitschrift für Musik“ ihr Sprachrohr. Das Konzept einer „poetischen Musik“, einer von literarischen Werken inspirierten, aber auf illustrative Mittel weitgehend verzichtenden Kompositionsidee, ist in besonderer Weise mit Schumanns frühen Klavierwerken verbunden. Die Lektüre der Erzählungen und Romane von E.T.A. Hoffmann und insbesondere von Jean Paul floss in seine Werke ein. Es entstand eine Serie von fantastischen Tänzen, in denen ähnlich dem literarische Vorbild eine festgefügte Form durch assoziative Binnenstrukturen erweitert wird, darunter Papillons op. 2 und Carnaval op. 9. 1834 begann Schumann mit dem umfangreichen Zyklus Carnaval - mit seiner wunderbaren Virtuosität und poetischen Farbigkeit ein Paradestück für jeden Pianisten. Zwar liegt hier kein konkretes literarisches Modell zugrunde, aber es finden sich Figuren der italienisch-französischen Stegreifkomödie – etwa Pierrot, Arlequin, Pantalon und Colombine – sowie Schlüsselfiguren seiner eigenen Biografie: Chopin, Paganini, Chiarina (das ist Clara Wieck), Estrella (das ist Ernestine von Fricken, seine zeitweilige Verlobte). Unter all diese mischen sich der introvertierte Eusebius und der übermütige Florestan, Schumanns gespaltenes zweites Ich. Alle Stücke kreisen um das Viernotenmotiv A-Es-C-H, das als ASCH den Namen der böhmischen Heimatstadt seiner damaligen Verlobten Ernestine von Fricken, zugleich aber als SCHA die musikalischen Buchstaben seines eigenen Nachnamens bezeichnet. Dadurch erhalten alle Stücke trotz der Verschiedenheit der Stimmungen und Atmosphäre eine gemeinsame Grundfarbe. Immer wieder sind auch Anklänge an frühere Werke zu finden, so ist in die eröffnende „Préambule“ Material aus den Variationen über Schuberts Sehnsuchtswalzer integriert. Im Schlusstück „Marche des Davidsbündler contre les Philistins“ lässt er das Finale der Papillons anklingen. Dieser Marsch ist ein Schlüsselstück, das eindeutig Schumanns ideologische Position wiedergibt: als Gegenentwurf zu der konservativen Haltung vieler Komponisten und Musikkritiker erfand er den Davidsbund, der für progressive, experimentelle und poetische Ideen in der Musik stand. Aber nicht nur musikpolitische, auch innere und höchst private Konflikte spiegeln sich im Carnaval wider. Clara gegenüber äußerte Robert Schumann einmal, während der Komposition seelische Qualen gelitten zu haben, denn damals stand er zwischen zwei Frauen, der aktuellen Verlobten und der künftigen,  vielleicht schon damals wichtigeren Person in seinem Leben, und beide porträtiert er im Carnaval: Ernestine von Fricken als „Estrella“ und Clara als „Chiarina“.

Das Klavier-Festival Ruhr feiert Amerika – oder vielmehr: „The Americas“: von New York City bis Mexico City, von Massachusetts bis Buenos Aires, von Hollywood bis Rio de Janeiro, von Montreal bis Havanna. Die vielfältige und faszinierende musikalische Welt des „melting pot“ der Nationen und Traditionen zeigt sich in ganz unterschiedlichen Werken amerikanischer Komponisten. Gabriela Montero wird – wie sie es immer wieder gerne macht – in der zweiten Hälfte des Konzerts improvisieren. Und wer, wenn nicht sie, kann beim Thema „Amerika“ mitreden, schließlich kennt die Musikern aus Venezuela die Musik ihrer Heimat nur zu gut. Wenn Ihnen in der Pause noch der ein oder andere „Klassiker“ von Bernstein und Co. durch den Kopf geht, dann ist jetzt die Gelegenheit, Wünsche zu äußern. Wunderschön und vertraut und doch faszinierend neu sind die Improvisationen, die Gabriela Montero nach vorgegebenen Themen spontan im Moment entstehen lässt. Auf die Frage, wie sie das mache, antwortete sie einmal: „Ich mache eigentlich nichts. Da ist etwas, das fließt einfach durch mich hindurch.“ Ganz bewusst möchte sie Brücke zwischen Klassik und Improvisation schlagen – ähnlich wie Friedrich Gulda, dessen Schülerin Martha Argerich die junge Pianistin aus Venezuela ermunterte, dieses Talent auf der Bühne auszuleben. Damit beweist Gabriela Montero, dass das Ausprobieren und Experimentieren keineswegs nur den Größen des Jazz vorbehalten ist. Und eigentlich setzt sie damit nur eine Tradition fort, die schon lange vergessen war – denn liebten nicht auch Komponisten wie Bach, Beethoven und Mozart das Improvisieren vor Publikum? Gabriela Montero verknüpft elegant und nonchalant das klassische Repertoire mit einer faszinierenden Reise ins Ungewisse, bei der sie offen und risikobereit auf ihre eigene musikalische Stimme hört und damit das gewohnte Hörbild der klassischen Konzertkultur erfrischend bereichert.

Anja Renczikowski

 

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