Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Montag | 10. Juli 2017 | 20:00 Uhr
Essen | Philharmonie Essen | Alfried Krupp Saal
Cellosonaten
Hélène Grimaud
Preisträgerin des Klavier-Festivals Ruhr 2015
Jan Vogler (Violoncello)

Zu keiner Zeit haben sich Kunst und Krieg gut vertragen – man muss sich für eines von beiden entscheiden, und man hat nicht einmal das Recht, sich darüber zu beklagen. Ich spreche nicht davon, dass ich seit zwei Monaten weder das Klavier berührt, noch eine Note geschrieben habe“, so Claude Debussy 1915. Wie schon für Schumann waren auch für den französischen Komponisten politische Umstände ein Anlass, sich zunehmend in den privaten Bereich zurückzuziehen und eine intimere Ausdrucksform in der Musik zu finden. Doch ein Jahr nach Ausbruch des 1. Weltkriegs war Debussy auch gesundheitlich angeschlagen. Trotz seiner fortschreitenden Krebserkrankung nahm er das Projekt, sechs Sonaten für verschiedene Instrumente zu schreiben, in Angriff, von denen er jedoch nur drei vollenden konnte: eine Sonate für Violoncello und Klavier, eine zweite für Flöte, Viola und Harfe und eine Violinsonate – sein letztes vollendetes Werk überhaupt. Über diese letzten kammermusikalischen Werke äußerte sich Pierre Boulez: „An dieser letzten ausschließlich kammermusikalischen Werkgruppe lässt sich ablesen, wie der Komponist sich um eine Kunst von schärferer Spannung, asketischer Haltung bemüht, die auf unmittelbare Verzauberung verzichtet, aber von einem Reichtum der Inspiration ohnegleichen ist.“ Der erste Satz erinnert mit seinem majestätisch wirkenden Klanggestus an eine französische Ouvertüre. Besonders auffällig sind das Schwanken zwischen Dur- und Moll-Tonalität und eine leere Quinte des Cellos am Schluss. Gitarren- und mandolinenähnliche Pizzicati und ein Habanera-Rhythmus verbreiten spanisches Flair im zweiten Satz. Das Finale ist dreigeteilt und beginnt „léger et nerveux“ – dann folgt der langsame Mittelteil „Lento - molto rubato con morbidezza“, und zum Schluss führen schließlich rasante Cello-Sechzehntel zur Wiederholung des ersten Teils.

Johannes Brahms war ein leidenschaftlicher Autographen-Sammler. Als der Jurist und Musiker Josef Gänsbacher ihm den Kauf der Handschrift von Schuberts Lied „Der Wanderer“ vermittelte, bedankte er sich, indem er ihm seine erste Sonate für Violoncello und Klavier e-Moll op. 38 widmete. Die Komposition war für Brahms ein bedeutender Schritt. Keine 30 Jahre alt war er, als er 1862 mit dem Werk begann, dass er 1865 beenden sollte. Um seinen sinfonisch-romantischen Ansprüchen gerecht zu werden, komponierte er zunächst eine viersätzige Sonate, strich dann aber den langsamen Satz heraus. Auch auf Wunsch des Widmungsträgers und auf Drängen seiner Vertrauten Clara Schumann änderte Brahms seine Meinung nicht und veröffentlichte die Sonate ohne Adagio-Satz. Zart tastend beginnt das Cello im ersten Satz, begleitet vom leicht nachschlagenden Klavier. Als gleichberechtigte Partner entwickeln beide Instrumente dann einen virtuosen, durch Akkordfülle und Klangexpansion gekennzeichneten Dialog. Der zweite Satz ist ein heiterer luftiger Tanzsatz, in dem sich Walzer und Ländler abwechseln. Einen Kontrast dazu bietet der Schlusssatz mit einem strengen Fugenteil. Brahms zitiert hier den Contrapunctus XIII aus Bachs „Kunst der Fuge“ und verbindet äußerst kunstvoll die barocke Form mit einer romantischen Klangsprache und Kompositionstechnik.

Verheißungsvoll nannte Robert Schumann seinen ersten Klavierzyklus „Fantasiestücke“ –auch später noch verwendete er diese Bezeichnung, mit der er seinem Lieblingsdichter E.T.A. Hoffmann seine Referenz erwies. Der Erzählband „Fantasiestücke“ des Dichters beinhaltet das bekannte Märchen „Der goldene Topf“, aber auch die „Kreisleriana“, auf die Schumann in seinem Klavierwerk ebenfalls Bezug nimmt. Schumanns Fantasiestücke op. 73 sind ursprünglich für Klarinette und Klavier geschrieben und es ist kaum zu glauben, in welchem Umfeld diese poetischen „Soiréestücke“ (so der ursprüngliche Titel) entstanden sind. Die Fantasiestücke entstanden in dem äußerst produktiven Kammermusikjahr 1849. Eine Zeit, in der der Alltag der Familie von den revolutionären Wirren, die nun auch Dresden erreicht hatten, erheblich gestört wurde und sie schließlich zwang, aufs Land zu ziehen. Es scheint, dass Schumann sich gerade in dieser Zeit des Aufruhrs (und kurz bevor die Familie sich in Düsseldorf niederlassen sollte) den kleineren vokalen wie instrumentalen Besetzungen zuwenden wollte. Er schrieb in diesem Jahr vier der insgesamt sechs Charakterstücke für Klavier und ein Soloinstrument – für Horn, Oboe, Violoncello und Klarinette. Die Fantasiestücke op. 73 entstanden im Februar. Schon die Erstausgabe erhielt auch alternativ eine Fassung für Violine bzw. Violoncello und Klavier. Alle drei Stücke stehen durch ihre expliziten Bezeichnungen in enger Verbindung zum Fantasie-Begriff, wie ihn zu jener Zeit nicht nur E.T.A. Hoffmann, sondern auch Novalis prägte, und wirken wie ein in Klänge übertragener Traum. Gesanglich fließend ist der erste Satz „Zart und mit Ausdruck“, anmutig bewegt der zweite „Lebhaft, leicht“, stürmisch-temperamentvoll der dritte Satz „Rausch und mit Feuer“.

Überrascht waren die Zuhörer, die der Uraufführung von Dmitri Schostakowitschs Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40 im Dezember 1934 bewohnten, führte der Komponist doch mit seiner Musik in eher melodische Weiten, zwar nachdenklich, aber auch singend und fast schon schwelgerisch. Das war so gar nicht das Enfant terrible, dessen hochgelobte Oper „Lady Macbeth“ von einer ganz anderen Tonsprache zeugte. Etwa zur gleichen Zeit schrieb Schostakowitsch verschiedene Artikel, in denen er von seiner Suche nach einer einfachen, klaren und expressiven Sprache schrieb. Ein Weg zu dieser neuen Klangsprache ist seine Cellosonate. Perlende Klavierbegleitungen und melodische Themenblöcke kennzeichnen den ersten Satz, dem ein dreiteiliges temperamentvolles Scherzo folgt. Besonders reizvoll ist der Mittelteil mit Flageolettpassagen des Cellos. Das Largo spielt direkt auf das Gefangenenlied aus seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ an. Launig – schon fast varieteehaft – klingt der Schlusssatz, der zwischen Heiterkeit und Manie changiert. Nur kurze Zeit nach der Uraufführung der Cellosonate im Dezember 1935 in Leningrad war Schostakowitsch mit dem Widmungsträger der Sonate Viktor Kubatzki auf einer Konzertreise unterwegs, als er am Bahnhof die Überschrift der Zeitung „Prawda“ – „Chaos statt Musik“ – entdeckte. Seine Oper „Lady Macbeth“ wurde nach zwei erfolgreichen Jahren einer vernichtenden Kritik unterzogen und als „disharmonisch …chaotisch…vulgär…primitiv“ degradiert. Damit begann für Schostakowitsch, auch wenn seine Cellosonate mit ihrer „Verständlichkeit“ ganz auf der Linie von Stalins Kulturfunktionären lag, eine Zeit der Angst und der Ungewissheit.

Anja Renczikowski

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