Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 11. Juli 2017 | 20:00 Uhr

In Kooperation mit der Stiftung Zollverein

The Americas: For Two Pianos
Maki Namekawa
Preisträgerin des Klavier-Festivals Ruhr 2017
Dennis Russell Davies
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2017

Die Musikgeschichte kennt einige berühmte Volksmusik-Sammler, dazu zählen unter anderem Béla Bartók und Leos Janácek, die jeweils Melodien ihrer Heimat aufgespürt und anschließend in ihren Kompositionen verarbeitet und zur Kunstmusik erhoben haben. Auch Aaron Copland hat nach solchen musikalischen Wurzeln gesucht und sie bei seinen Mexiko-Besuchen in den 1930er Jahren gefunden. Allerdings hat er nicht mündlich tradierte Melodien gesammelt, sondern auf Notenausgaben zurückgegriffen, die ihm in die Hände fielen. Mit der Ausarbeitung dieser Stoffsammlung begann er 1932. Vier Jahre später konnte er El Salón México abschließen. Der Untertitel lautet „A Popular Type Dance Hall in Mexico City“ und deutet an, dass es dem Komponisten um die musikalischen Ereignisse in einer imaginären Musikhalle in Mexiko geht – in einem Reiseführer hatte er etwas gelesen von einem „Harlem-type nightclub for the peepul“ [sic]. Einen originalen „Salón México“ hat es freilich nie gegeben. Die originale Orchesterversion wurde 1937 durch das Mexico Symphony Orchestra unter Carlos Chávez uraufgeführt. Ein Jahr später folgte die Premiere in den USA. Drei Bearbeitungen existieren von diesem Werk. Copland hat die erste im Jahr 1947 für den Film „Fiesta“ eingerichtet, Leonard Bernstein schrieb Transkriptionen für Klavier solo sowie für zwei Klaviere und schließlich für Klavier zu vier Händen, und kurioserweise hat auch der Dirigent Arturo Toscanini 1942 eine Bearbeitung für Klavier angefertigt.

Mit Oktaven und grellen Akkorden eröffnet Leonard Bernstein 1937 seine Music for two Pianos. Es war das erste Werk, das er für Klavier komponiert hat, die Komposition eines Neunzehnjährigen. Nach dem Besuch der Boston Latin School, die er 1935 verlassen hatte, wechselte der Frühbegabte an die Harvard University. Dort wurde er entscheidend geprägt von dem Ästhetik-Professor David Prall, der Bernstein die Vielseitigkeit und Vernetzung der einzelnen Künste nahebrachte, was ihn ein Leben lang prägen sollte. Bereits ein Jahr nach der Entstehung seiner Music for two Pianos brachte Bernstein das Werk in Boston zur Uraufführung, an der Seite seines Freundes Mildred Spiegel. Das viersätzige Werk zeigt die Faszination des jungen Musikers für populäre Musik, die er mit der klassischen Konzertmusik verschmelzen möchte. Später hat Bernstein auf dieses Werk mehrfach zurückgegriffen, vor allem sieben Jahre später in seinem Musical On the Town: der erste Satz ging auf im „Dream Ballet“, der zweite Abschnitt begegnet dem Hörer erneut in dem Song „Real Coney Island“.

Geboren in Seattle, studierte William Bolcom zunächst in Washington und anschließend bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen in Paris. Nach Erwerb seines Doktortitels arbeitete er als Professor für Komposition an verschiedenen amerikanischen Universitäten, unter anderem in Washington und Michigan. Spätestens seit Ende der 1960er Jahre hat er in seinen Kompositionen wesentlich dazu beigetragen, den Ragtime wiederzubeleben; auch Salonmusik stand bei ihm nicht auf der Roten Liste, sondern wurde in etlichen Konzerten praktiziert. Dieses biografische Spektrum deutet an, dass auch sein kompositorisches Schaffen sich durch eine ungewöhnliche Breite verschiedener Stilrichtungen und Musiksprachen auszeichnet. Atonales findet sich genauso wie selige Schlagermelodik, Ragtime und Rockmusik ebenso wie Anklänge an seine französischen Lehrmeister. So wurde Bolcom mehr und mehr zu einem der führenden Vertreter der amerikanischen Eklektik, in der Tradition eines Charles Ives und Leonard Bernstein. Ein bisschen davon spiegelt auch die 1993 entstandene Sonata for Two Pianos, die Bolcom für die Brüder Anthony und Joseph Paratore geschrieben hat, die das rund viertelstündige Werk erstmals am 6. April 1994 in der Purdue University in West Lafayette der Öffentlichkeit präsentierten. Die Sonate lebt weitgehend von einer schroffen, dissonanten Klangsprache, Bolcoms Ragtime-Affinität wird allenfalls zaghaft erkennbar, umso mehr meint man, gerade im ersten Teil, Anklänge an seinen Lehrmeister Messiaen hören zu können. Doch dann folgt eine unerwartet melodiöse Passage, mit einer schlichten Melodie, die jedoch rasch wieder vom ersten Thema in abgewandelter Form abgelöst wird. Spätestens jetzt entwickelt dieses Werk orchestrale Züge. Auch die Schlussakkorde, wenn sich die Sonate choralhaft in Stille auflöst, lassen durchaus das eine oder andere Orgelwerk von Messiaen durchschimmern.

Sucht man in der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts nach einem Nonkonformisten, so wird man Henry Cowell als einen der führenden Vertreter anführen dürfen. Die Tendenz zu Originalität und Querdenkertum hat er wahrscheinlich von seiner Mutter übernommen, einer engagierten Schriftstellerin, die sich unter anderem für ein freies Schulsystem stark gemacht hat. Cowells Leben war ebenso bunt wie reich an Rückschlägen. Übrigens war er 1929 der erste amerikanische Komponist, der eine offizielle Einladung in die Sowjetunion erhalten hat. Sein Werkverzeichnis umfasst knapp 1000 Einträge, von winzigen Stücken bis zu großformatigen Werken. Neben einigen überraschend konservativen Kompositionen zeigt gerade das pianistische Œuvre auch Cowells Tendenz zu Experimenten und ungewöhnlichen Effekten. So verwendete er bereits 1912 Toncluster – ein Indiz dafür, dass er die Aufmerksamkeit mehr auf den Klang als auf ein bestimmtes Erscheinungsbild lenken wollte. Neben der Irish Suite von 1929 hat er in den späten 30er Jahren auch an einer Celtic Suite für Konzert-Band gearbeitet, besetzt u.a. für fünf Saxophone und vier Trompeten. 1941 hat Cowell diese Suite sowohl für Klavier zu zwei Händen als auch für zwei Klaviere bearbeitet, bevor er drei Jahre später noch eine Orchester-Fassung folgen ließ. Das originale Werk besteht aus den Abschnitten Interlochen (Introduction: In the time of a fast reel / Reel), Caoine (Andante) und Hornpipe (Vivace). Cowell schrieb diese Musik für Percy Grainger, der sie dirigieren möge. In Briefen an ihn hat sich Cowell mehrfach über die Entstehung des Werkes geäußert. So schrieb er am 23. Februar 1938, dass Celtic Suite wohl der geeignete Titel sein werde.

Hallelujah Junction – unter diesem Titel veröffentlichte der Komponist John Adams seine Autobiografie, in Anlehnung an das ebenso betitelte Werk für zwei Klaviere aus dem Jahr 1966. Der Titel bezieht sich auf eine der vielen LKW-Raststätte nahe der Grenze zwischen Kali­fornien und Nevada, entlang der US 395, einer knapp 900 km langen Straße quer durch Kalifornien. An besagter Stelle erhebt sich die Straße 1500 m über den Meeresspiegel, und Adams selbst besitzt dort in der Nähe eine eigene Blockhütte in den Bergen. In vier einander eng verbundene Abschnitte hat Adams seine Komposition eingeteilt, ohne die einzelnen Sätze genauer zu bezeichnen. Prägend ist die rhythmische Struktur, die, nach Adams' eigener Aussage, die Motive zwischen den beiden Klavieren hin-und herspringen lässt und sie eng miteinander verzahnt – daher auch das „Junction“ im Titel (dt. Kreuzung, Knoten­punkt). Übrigens hatte Adams diese Technik bereits 1982 in Grand Pianola Music erstmals am Klavier und später auch in einigen Orchesterwerken angewandt. 1998 wurde das Werk von Grant Gershon und Gloria Cheng erstmals aufgeführt, da beide Pianisten Adams um ein neues, „kurzes“ Stück gebeten hatte. Gewidmet ist es Ernest Fleischmann, dem langjährigen Manager des Los Angeles Philharmonic.

Christoph Vratz

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