Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Sonntag | 16. Juli 2017 | 11:00 Uhr ohne Pause
Verpasste Gelegenheiten
Uraufführung eines Auftragswerks des Klavier-Festivals Ruhr
Hanni Liang
Manfred Trojahn (Komposition)
Michael Krüger (Text und Rezitation)

Verpasste Gelegenheiten: ein Zyklus über zwei, die sich eben immer verpassen und von denen man nicht weiß, ob ihr Verhältnis nicht gerade darin besteht, sich nicht treffen zu wollen…

Die Prosagedichte von Michael Krüger stellen dem Komponisten eine Aufgabe, deren Lösung anderes erfordert als zum Beispiel eine Liedvertonung. Nicht nur, weil der Text eben nicht gesungen vorgetragen wird, auch weil es sich nicht anbietet, den Text für das Sprechen zu ‚vertonen‘, womit hier gemeint ist, in die Vortragsweise rhythmisierend einzugreifen und somit die Deklamation zu gestalten. Das ließen nur wenige Passagen zu, poetische Bilder, die sich zum Schluss hin häufiger einstellen.
Zumeist ist der Tonfall der des Beobachters und des Interpreten der Beobachtung, das Sprechen wird sich nahe dem Alltagsausdruck befinden und jedes poetische Pathos vermeiden. Das setzt die Sprache in den Gegensatz zur Musik, der immer Pathos anhaftet, immer Überhöhung eigen ist.
Zwei Ausdrucksbereiche also, die sich nicht immer, vielmehr nur selten treffen. Jedenfalls im Detail; im Großen und Ganzen dagegen stimmt es, die Musik schafft eine Aura, die mit der des Textes zusammengeht  - Musik ist immer mehrdeutig genug, um das bewirken zu können.
Das Melodram, die Gattung, um die es in diesem Stück geht, erfordert von der Musik die Illustration der Begebenheiten, oftmals wird die Sprache durch starke rhythmische Gliederung in diese Illustration eingebunden. Die musikalische Formung ist nicht selten zweitrangig.
Das habe ich vermeiden wollen.
Der Grund liegt im Berichtcharakter der Sprache, der - ich sagte es oben - nur zuweilen ob poetischer Bilder verlassen wird. Wenn die Aussichtslosigkeit der Begegnungsversuche deutlicher wird, verstärkt sich das Poetische der Situationen, auch bringen uns nahezu surrealistische Passagen in Träume und somit der Musik näher.
Die Musik bekommt eine Aufgabe, die der von Filmmusiken nahe ist; sie gestaltet Atmosphäre, Aura und Tempo der Ereignisse. Allerdings hat sie hier noch den Gestaltungsaspekt des Kunstliedes hinzubekommen: die Interpretation der Gefühle und die innermusikalische Formung, die nicht an den Fluss der Ereignisse verschenkt wird.
Jedes der Stücke ist ein autonomes Gebilde, nach musikalischen Gesetzmäßigkeiten erarbeitet und in sich gerundet.

Zwei Kunstformen versuchen es miteinander, und jede möchte möglichst wenig von sich verlieren. Das erinnert an den Inhalt der Texte: zwei Personen versuchen sich zu finden und scheinen alles daran zu setzen, sich selbst vor dem Anderen zu bewahren, auch um den Preis, ihm nicht zu begegnen.

Düsseldorf, Juli 2017                                                            Manfred Trojahn

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