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Montag | 22. Mai 2017 | 20:00 Uhr
The Americas: Piano Rag
Jeremy Denk
Das Debüt des Amerikaners Jeremy Denk wird zum Triumph  

Das Publikum in der Gebläsehalle feiert den Pianisten mit seinem ungewöhnlichen Programm im Zeichen des Tanzes mit einem Jubelsturm.

Mit einem höchst ungewöhnlichen Programm debütierte jetzt der US-amerikanische Pianist Jeremy Denk beim...

 

Das Publikum in der Gebläsehalle feiert den Pianisten mit seinem ungewöhnlichen Programm im Zeichen des Tanzes mit einem Jubelsturm.

Mit einem höchst ungewöhnlichen Programm debütierte jetzt der US-amerikanische Pianist Jeremy Denk beim Klavier-Festival Ruhr. Von Bach und Schubert umrahmt, gab es einen wilden Ritt durch die Geschichte des Ragtime. Das Konzert in der Gebläsehalle des Landschaftsparks geriet zu einem wahren Triumph für den Künstler.

Der amerikanische Ragtime steht im Zentrum des Abends, doch zur Eröffnung spielt Denk Tanzmusik von Bach. In der Englischen Suite Nr. 3 zeigt der Pianist gleich, wie viel rhythmischer Pfiff in ihm steckt, wenn er aus den dichten kontrapunktischen Feldern einzelne Melodien heraushebt und gegeneinander setzt. In ruhigen Sätzen wie der Sarabande macht Denk aus Bach fast einen romantischen Schwärmer.

Vor der gut halbstündigen Ragtime-Folge erläutert Denk, dass es ihm um die „Erforschung des Witzes und der Synkope“ gehe. Der eröffnende „Sunflower Slow Drag“ von Scott Hayden und Scott Joplin wird flott und griffig musiziert.

Die folgende „Piano-Rag-Music“ von Igor Strawinsky ist schon eine radikale Ragtime-Dekonstruktion, die mit robuster Rhythmik gespielt wird. „The Passings Mesures“ des Shakespeare-Zeitgenossen William Byrd beginnt Denk lyrisch, macht aus der Pavane aber einen Renaissance-Rag, den er mit viel Energie in den Steinway-Flügel schlägt. Ein Wirbelwind ist der Ragtime von Paul Hindemith, bevor der „Graceful Ghost Rag“ von William Bolcom sanft daher kommt.

Geradezu ein Schock ist die Gigue von Mozart, deren Akzente und Phrasierungen so radikal gespielt werden, dass man Mozart kaum wiedererkennt. Da merkt man, dass Jeremy Denk nicht bloß musiziert, sondern auch interpretiert. Und dabei Mozart in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Vollkommen irrwitzig und fast unspielbar ist der Canon No. 1 von Conlon Nancarrow, bei dem beide Hände in verschiedenen Tempi spielen. Der Pianist meistert auch diese Hürde, bevor er mit Donald Lamberts jazziger Bearbeitung des Pilgerchores aus Wagners „Tannhäuser“ seine Ragtime-Lektion beendet. Mit Jubelsturm und Trampelorkan wird er vom Publikum gefeiert.

Danach folgt mit Franz Schuberts Sonate Nr. 21 noch ein gewichtiges Werk der Klaviergeschichte. Denk lässt Schuberts lyrische Melodien wie ein Flehen um Erlösung klingen. Großartig, wie er immer wieder unterschiedlichste Farbakzente setzt, diese vielen Wechsel aber gleichzeitig mit einer bestechenden Traumlogik ineinander fließen lässt.

WAZ, Rudolf Hermes

 
Klavier-Repertoire und Synkopen-Suite  

Der Pianist Jeremy Denk, geboren 1970 in den USA, gilt in seiner Heimat als Kult, in Europa noch als Geheimtipp. Sein Debüt beim Klavier-Festival Ruhr in der gut gefüllten Gebläsehalle im Landschaftspark Nord hat das vielleicht geändert, zumal das...

 

Der Pianist Jeremy Denk, geboren 1970 in den USA, gilt in seiner Heimat als Kult, in Europa noch als Geheimtipp. Sein Debüt beim Klavier-Festival Ruhr in der gut gefüllten Gebläsehalle im Landschaftspark Nord hat das vielleicht geändert, zumal das Duisburger Konzert live auf WDR 3 übertragen wurde. Von Ingo Hoddick

Nach der etwas zu luftig genommenen Englischen Suite Nr. 3 g-Moll BWV 808 von Johann Sebastian Bach kam der Clou des Konzerts. Jeremy Denk hatte acht kurz(weilig)e Stücke zusammengestellt, deren Rhythmus "zerrissen" ist und die er zuvor witzig und in deutscher Sprache vorstellte. Das ging chronologisch von der Renaissance (The Passing Mesures: The Nynthe Pavan aus "Mye Lady Newells Book of Virginal Music" von William Byrd) bis zu den 1980er Jahren (der besonders vertrackte Canon No. 1 aus "Two Canons for Ursula" von Conlon Nancarrow), in der Reihenfolge von dem Ragtime-Urvater Scott Joplin bis zu Donald Lamberts Jazz-Version des Pilgerchores aus der Oper "Tannhäuser" von Richard Wagner. Zu der "Piano-Rag-Music" von Igor Strawinsky merkte Denk an "kubistisch, mit einem Glas Martini in der Hand" und zu dem finalen Ragtime aus der "Suite 1922" op. 26 von Paul Hindemith "Ein Pianist ist verrückt geworden, ein Angriff auf das Klavier." Bei etwas weniger überdrehten Tempi wäre das Bild sicherlich noch deutlicher gewesen. Jedenfalls kam der Witz an der Sache sehr schön herüber.

Als zweiten, rahmenden Repertoirepfeiler gab es nach der Pause noch die letzte und längste Sonate B-Dur D 960 von Franz Schubert. Denks Aufführung wirkte vor allem im Kopfsatz grenzwertig darin, ständig das Tempo zu wechseln, je nach dem Charakter der betreffenden Passage. Im Ganzen gelang es ihm durchaus, das Wesen dieser Sonate als tiefen Traum zu erfassen, fast wie einen Alptraum. Noch mehr Ruhe hatte die Zugabe, das war der langsame Mittelsatz aus der Sonate C-Dur KV 545 von Wolfgang Amadeus Mozart.

Im nächsten Duisburger Konzert des Klavier-Festivals am kommenden Dienstag, 30. Mai, um 20 Uhr, in der Gebläsehalle, spielt das bewährte Klavierduo Katia & Marielle Labèque Werke von Strawinsky, Claude Debussy und Philipp Glass. Der Abend ist längst ausverkauft, es gibt aber eine Warteliste im Internet unter www.klavierfestival.de.

Rheinische Post, Ingo Hoddick

 
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