Education Entdecken & Vermitteln Interaktive Vermittlungsmaterialien Goldberg-Variationen Die Goldberg-Variationen im Spiegel der Geschichte

Bachs Goldberg-Variationen im Spiegel der Geschichte

Ein Höhepunkt polyphoner Kompositionskunst

In einem geistreichen Essay mit dem Titel „Warum Klassiker lesen?“ schreibt Italo Calvino: „Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört, das zu sagen, was es zu sagen hat.“ Dass sich mit diesem im Feld der Literatur entwickelten Definitionsversuch auch musikalische Klassiker wie die Goldberg-Variationen treffend umschreiben lassen, hätte der italienische Schriftsteller sicherlich nicht bestritten. Die „Aria mit dreißig Veränderungen“, die für ein Cembalo mit zwei Manualen komponiert wurde, ist nicht nur ein Meilensteinen der Klavierliteratur, sondern auch ein Höhepunkt polyphoner Kompositionskunst. 

Schenken wir dem ersten Bach-Biographen Johann Nikolaus Forkel Glauben, so entstanden die Goldberg-Variationen im Auftrag des russischen Gesandten am Dresdner Hof, Graf Keyserlingk. Dieser ließ sich seine schlaflosen Nächte durch das Cembalospiel des Bach-Schülers Johann Gottlieb Goldberg versüßen und bat den Leipziger Thomaskantor, zu diesem Zweck einige Stücke „sanften und etwas munteren Charakters“ zu verfassen: „Bach glaubte, diesen Wunsch am besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte.“

Die Grundlage der Goldberg-Variationen bildet eine 32-tönige Basslinie, die im Werkverlauf in unterschiedlichen Varianten in Erscheinung tritt. Auf der Basis dieses einfachen Fundaments hat Bach einen kunstvollen Variationszyklus errichtet. Eröffnet und beschlossen wird das Werk von einer in sich gekehrten Aria. Dazwischen stehen 30 Variationen, die eine Vielfalt unterschiedlicher Formen, Charaktere und Spieltechniken exponieren. Jeweils drei Variationen lassen sich dabei zu einer Gruppe zusammenfassen: Auf eine Variation, die einen bestimmten Satztyp vorstellt, folgen jeweils ein virtuoses Spielstück und ein Kanon. 

Die Kanon-Sätze der Goldberg-Variationen zeugen nicht nur von Bachs polyphoner Kompositionskunst, sondern auch von seinem strengen Ordnungssinn. So vergrößert er von Kanon zu Kanon schrittweise das Einsatzintervall der Stimmen. Im ersten Kanon (Variation 3) setzen die beiden Kanonstimmen auf dem gleichen Ton an, im zweiten Kanon (Variation 6) stehen sie im Verhältnis einer Sekunde bis sie im neunten Kanon (Variation 27) die None erreicht haben. Als dreißigste und letzte Variation folgt schließlich ein vierstimmiges Quodlibet, das das Prinzip der Polyphonie auf die Spitze treibt. Über dem Fundament des Bassgerüsts erklingen zwei verschiedene Volksliedmelodien („Ich bin so lang nicht bei dir gewest“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“), die Bach auf geistvolle Weise gegeneinandersetzt und miteinander kombiniert. 

Das "Unausgesprochene" des Notentextes "ans Licht" ziehen

Die Goldberg-Variationen gehören zu den wenigen Kompositionen Bachs, die bereits zu seinen Lebzeiten im Druck erschienen (1741 oder 1742). So wurde das Werk vor dem zwischenzeitlichen Vergessen bewahrt und konnte in den letzten 250 Jahren eine reiche Wirkungsgeschichte entfalten. In jeder Epoche wurden die Goldberg-Variationen dabei anders gespielt, gehört, gedeutet und schöpferisch verarbeitet.

Ein faszinierendes Dokument dieser historischen Wandlungen ist die Bearbeitung des Werks von Joseph Rheinberger (1839–1901). Für den in Liechtenstein geborenen  Komponist, Organist und einflussreiche Lehrer war Bach zeitlebens eine zentrale Bezugsfigur. Mit seiner 1883 erstellte Fassung für zwei Klaviere hoffte er, den Goldberg-Variationen einen bedeutenderen Platz im zeitgenössischen Musikleben einzuräumen. So schreibt er im Vorwort der Erstausgabe seiner Bearbeitung: „Wenn dieses grossartige Werk bis auf den heutigen Tag mehr nur theoretisch gewürdigt als gespielt wurde, so hat dies seinen triftigen Grund in dem Umstande, dass es für ein Clavier mit zwei Manualen geschrieben ist – ein Instrument, das man längst nicht mehr kennt. Möge nun vorliegende pietätvolle Bearbeitung für zwei Claviere dazu dienen, Musiker und Musikfreunde mit diesem Schatze echter Hausmusik bekannt und vertraut zu machen.“

In seiner Bearbeitung hat Rheinberger den komplexen Tonsatz des Originals auf wirkungsvolle Weise auf zwei Instrumente verteilt. Dabei ging es ihm offensichtlich nicht nur darum, spieltechnische Probleme wie Stimmkreuzungen zu eliminieren, sondern auch die polyphone Struktur des Werks zu verdeutlichen. So erhalten beispielsweise die Kanon-Sätze durch die Verteilung der Stimmen auf die beiden Spieler mehr Transparenz und räumliche Tiefe. Zugleich hat Rheinberger den Bachschen Notentext erweitert. In manchen Variationen verdichtet er das Klanggeschehen durch hinzugefügte Akkorde, in anderen erweitert er das polyphone Geflecht, in dem er zusätzliche kontrapunktisch geführte Stimmen ergänzt.  Schließlich betätigte sich Rheinberger auch als Interpret und Übersetzer. Vor dem Hintergrund der Zeitgeschmacks und der Interpretations- und Notationspraxis des späten 19. Jahrhunderts versah er den spärlich bezeichneten Notentext des Originals mit zahlreichen Zusätzen: Tempoangaben, Metronomzahlen, Vortragsbezeichnungen, Phrasierungsbögen,  Artikulationsangaben sowie Hinweisen zur Pedalisierung.

Auch Max Reger (1873–1916) war davon überzeugt, dass die Bearbeitung ein probates Mittel sei, um die Musik Bachs für die Gegenwart zu erschließen. In einem Brief an den gleichgesinnten Ferruccio Busoni, der selbst ein großer Bach-Bearbeiter war, schreibt er 1895: „Gerade die neu aufwachsende Generation sollte man überall immer und immer wieder an den Urquell musikalischen Schaffens und göttlicher Kunst – Johann Sebastian Bach – hinweisen und zu allererst den Leuten zeigen, was Johann Sebastian Bach eigentlich ist.“ Zu diesem Zweck hat Reger im Lauf seines kurzen Lebens zahlreiche Werke von Bach bearbeitet und herausgegeben. Sein erklärtes Ziel war es dabei, „zwischen den Zeilen zu lesen“ und das „Unausgesprochene“ des Notentexts „ans Licht“ zu ziehen: „man kann Bach so unmenschlich langweilig u. vermeintlich stilgerecht spielen, daß man das Grausen kriegen kann; Bach war nach meiner Ansicht ein Mensch mit Fleisch u. Blut, voller Lebenssaft u. Kraft u. kein kalter Formalist.“

Rheinbergers romantisierende Bearbeitung der Goldberg-Variationen scheint Reger gefallen zu haben. Seit 1909 spielte er sie mit wechselnden Duo-Partnern immer wieder in der Öffentlichkeit. Dabei begnügte er sich allerdings nicht mit einer bloßen Wiedergabe, sondern nahm vor dem Hintergrund seines eigenen Bach-Verständnisses Modifikationen und Ergänzungen vor. 1915 entschloss er sich dazu, diese revidierte Fassung auch zu publizieren. 

Yaara Tal und Andreas Groethuysen haben auf der Basis dieser beiden Bearbeitungen eine eigene Fassung der Goldberg-Variationen für zwei Klaviere erstellt. Einen Einblick in ihre Vorgehensweise vermitteln die Filmsequenzen auf dieser Seite, die im Rahmen des Education-Projekts „Polyphonie“ entstanden sind.
Tobias Bleek

Weitere Informationen zu den Goldberg-Variationen

Die Goldberg-Variationen im Spiegel der Geschichte

In jeder Epoche wurden die Goldberg-Variationen anders gespielt, gehört, gedeutet und schöpferisch verarbeitet. In einem kurzen Essay von Tobias Bleek erfahren Sie mehr über Bachs Werk und seine faszinierende Bearbeitungsgeschichte...

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