Education Entdecken & Vermitteln Projektarchiv Interludes - ZwischenSpiele John Cage und die bildenden Künste

John Cage und die bildenden Künste

Das 'Gespräch' der Künste


„Die Künste existieren nicht isoliert voneinander, sondern ziehen einander ins Gespräch.
Vieles in der neuen Musik […] ist eine Erwiderung an die moderne Malerei und Skulptur.“
John Cage

Wohl kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat das ‚Gespräch‘ der Künste so maßgeblich befördert und geprägt wie John Cage. So suchte der im September 1912 in Los Angeles geborene Komponist zeitlebens den Dialog mit anderen Kunstformen. In der Begegnung und Beschäftigung mit der bildenden Kunst der klassischen Moderne und seiner Zeitgenossen erhielt er wesentliche Impulse und Anregungen für sein eigenes Schaffen. Zugleich hat Cage mit seinen gattungsüberschreitenden Arbeiten und Konzepten nicht nur die Grenzen der Musik erweitert, sondern seit den 1940er Jahren auch zahlreiche Maler, Bildhauer, Filmemacher und Videokünstler beeinflusst.

Künstlerische Doppelexistenz

Cages Interesse für die bildenden Künste manifestiert sich auf vielfältige Weise in seinem eigenen Schaffen. So erprobte sich der junge Künstler zunächst auch als Maler und Schriftsteller, bevor er 1935 ein zweijähriges Privatstudium bei Arnold Schönberg begann: „Als ich anfing, habe ich beides gemacht, Musik und Malerei. Ich beschloss, mich der Musik zu widmen, weil die Meinungen derjenigen, die mir etwas bedeuteten, eher meine Musik als mein Malen bevorzugten.“

Obwohl Cage in den folgenden Jahrzehnten in erster Linie mit seinen musikalischen Arbeiten Berühmtheit erlangte, war er nach wie vor auch als bildender Künstler tätig. Bis zu seinem Tod im August 1992 schuf er neben graphischen Partituren, die im vieldeutigen Grenzbereich zwischen Klangkunst und visueller Kunst angesiedelt sind, auch zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Plexigramme.

Jawlensky als „Lehrer“

Ein schönes Zeugnis für die Begeisterung, die der junge Cage der Malerei entgegenbrachte, ist ein Brief von Galka Scheyer. Die deutschstämmige Galeristin, die der 22-jährige Musiker in Los Angeles kennenlernte, war in den frühen 1920er Jahren in die USA übergesiedelt und setzte sich dort leidenschaftlich für die Werke der Gruppe „Die blaue Vier“ ein (Lyonel Feininger, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky und Paul Klee). Im Februar 1935 berichtet Scheyer dem in Wiesbaden lebenden Jawlensky:

„Ich habe Dir eine reizende Geschichte zu erzählen. Ein junger, sehr begabter Komponist, der mit Schönberg studieren wird, hat mir gestern den Kopf von Dir ‚Poesie des Abends‘ wiedergebracht. […] Ich zeigte ihm Deine neuen kleinen Köpfe. Er war begeistert. Und frug, was sie kosten. Er selbst ist sehr arm und wird, wegen seiner Begabung, umsonst in Musik ausgebildet. Da ich dich kenne und weiss, dass wirklich[e] Begeisterung, besonders in der Jugend von heute wunderliebe zu sehen ist, so machte ich ihm einen sehr billigen Preis von $ 25.00. Er zahlte $ 1 an.“

Nach Abschluss des Kaufes wandte sich Cage selbst an Jawlensky:
„Ich kann nicht Deutsch schreiben oder sprechen, aber ich bin sehr freudig, weil ich habe eines Ihnen Bilder gekauft: Jetzt ist es in mir. Ich schreibe Musik. Sie sind mein Lehrer.“

Im Laufe seines Lebens trat Cage mit vielen weiteren bildenden Künstlern wie zum Beispiel Josef und Anni Albers, Jasper Johns, Willem de Kooning, László Moholy-Nagy, Robert Rauschenberg oder Mark Tobey in Kontakt. Während er von ihren Werken zum Teil wesentliche Impulse für sein eigenes Schaffen erhielt, entwickelte er mit einigen von ihnen zugleich intensive Freundschafts- oder Arbeitsbeziehungen. So übernahm Cage auf Initiative von Moholy-Nagy 1941 einen Lehrauftrag für experimentelle Musik an der Chicago School of Design, deren Lehrplan vom Geiste des Bauhaus geprägt war. 1946 verfolgte er dann gemeinsam mit Mark Rothko, Hans Arp und Clyfford Still den Plan, ein experimentelles Kunstzentrum an der amerikanischen Westküste zu etablieren.

John Cage und Marcel Duchamp

Zu den bildenden Künstlern, die John Cage in besonderer Weise prägten, zählt zweifellos Marcel Duchamp (1887–1968). So sah Cage in den Arbeiten und Ideen des provokativen Grenzüberschreiters zentrale Punkte seines eigenen Schaffens vorformuliert: „Wie Duchamp möchte ich die Unterschiede zwischen Kunst und Leben, zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Darsteller und Publikum usw. aufheben.“ Nachdem Cage die Ideenwelt des um 25 Jahre älteren bildenden Künstlers bereits während seiner Studienzeit kennengelernt hatte, kam es in den frühen 1940er Jahren zu einer ersten persönlichen Begegnung. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zu Duchamps Tod im Oktober 1968 anhalten sollte.

Aus Cages enger Beziehung zu Duchamp sind fünf Arbeiten hervorgegangen, von denen zwei bei der Cage-Hommage des Klavier-Festivals Ruhr 2012 zu hören und zu sehen waren. 1944 organisierte der leidenschaftliche Schachspieler Duchamp für die New Yorker Julien Levy Gallery die Ausstellung The Imagery of Chess. Cage, der mit Duchamp regelmäßig Schach spielte, steuerte eine Gouache mit dem Titel Chess Pieces bei. Die lange vergessene Arbeit erkundet den Grenzbereich zwischen Klang und Graphik und kann zugleich als Bild und als Partitur betrachtet und gedeutet werden. Cages zweite Arbeit für Duchamp verbindet die Kunstformen Musik und Film. So entstand Music for Marcel Duchamp für präpariertes Klavier als Begleitmusik zu einer Duchamp-Sequenz in Hans Richters experimentellem Künstlerfilm Dreams That Money Can Buy (1947).

Works of Calder

Zu den Künstlern, die an der Ausstellung The Imagery of Chess mitwirkten, zählte neben André Breton, Max Ernst, Man Ray und Jean Tinguely auch Alexander Calder. Als der aus der Schweiz stammende Fotograf und Graphikdesigner Herbert Matter 1949 einen Film über den amerikanischen Künstler drehte, konnte er Cage für die Komposition der Begleitmusik gewinnen. Während die Rahmenteile der Filmmusik für präpariertes Klavier geschrieben sind, hat Cage den Mittelteil als Klangmontage gestaltet.
Cage erhielt für seine Musik zu Works of Calder nicht nur den ersten Preis für die beste Filmmusik beim „First Art Film Festival“ in Woodstock (New York), sondern auch einen begeisterten Brief von Pierre Boulez. Am 30. Dezember 1950 schreibt dieser:

"Gestern […] habe ich in der Cinémathèque den Film über Calder gesehen, mit Deiner Musik. Es war herrlich zu sehen und hören, wie vollkommen die Synthese von Bild und Ton war. Zum ersten Mal empfand ich eine Musik im Film als notwendig. […] Die Objekte von Calder sind sehr schön, besonders zwei Skulpturen, und die Aufnahmen sowie die Filmmontage sind außerordentlich gelungen. Besonders gefallen hat mir die Stille, die zusammen mit den festen Einstellungen einsetzte, nachdem vorher, zu den bewegten Einstellungen, Musik erklungen war. Genauso hat mir die rhythmische Diminution bei einigen Geräuschen gefallen. Ich würde gerne wissen, wie Du das technisch gemacht hast, zum Beispiel für den Abschnitt, in dem man sieht, wie Calder an der Drehbank steht und Maschinen benutzt und wo der Ton diese Fabrikgeräusche übernimmt.“

Am 22. Mai 1951 antwortet Cage dem um 13 Jahre jüngeren französischen Komponist:

"Du fragst nach näheren Einzelheiten zu der Calder-Musik, besonders nach dem Teil mit den Geräuschen. Was ich getan habe ist sehr einfach: Ich habe Geräusche aus Calders Atelier, während er bei der Arbeit war, auf Tonband aufgenommen. Die Klänge mit den regelmäßigen Accelerandi kommen von großen rechteckigen Metallplatten, die sich gerade auf niedrigen Metallstützen ausbalancieren. Nach ungefähr zwei Stunden Tonbandaufnahmen ließ ich es gut sein und machte mich daran, die Geräusche, die ich haben wollte, auszuwählen und zusammenzuschneiden. Eine Synchronisation habe ich nicht versucht, und das Ergebnis verdankt sich tatsächlich eher dem Zufall, den ich als ganz erstaunlich empfand. Leider habe ich dies erst in letzter Minute gemacht (nachdem die Musik für präpariertes Klavier bereits aufgenommen war). Hätte ich gleich zu Anfang so gearbeitet, hätte ich wohl die Musik für den gesamten Film auf diese Weise montiert (und auch aufgenommene Umweltgeräusche verwendet).“

Tobias Bleek

Weiterführende Lektüre

„John Cage und…“. Bildender Künstler – Einflüsse, Anregungen, hrsg. von Wulf Herzogenrath und Barbara Nierhoff-Wielk, Bonn: Dumont, 2012.

Weitere Informationen zum Projekt Interludes

Newsletter Anmeldung

Neuigkeiten zum Programm, zu einzelnen Konzerten, zu Festival-CDs oder allgemeine Infos vom Klavier-Festival Ruhr erhalten Sie schnell und direkt mit unserem Newsletter.

Abonnieren Sie den Newsletter

Social Media

Verfolgen Sie die Aktivitäten, Tipps und Neuigkeiten rund um das Festival und seine Künstler auch im Social Network.
Wir freuen uns auf Sie!

Facebook Twitter YouTube

Das Programm zum Blättern

Damit Sie auch in diesem Jahr unser Gesamtprogramm online bequem durchblättern können, klicken Sie bitte auf den nachfolgenden Link.

Gesamtprogramm

© 2018 Stiftung Klavier-Festival Ruhr  |  Alfred Herrhausen Haus  |  Brunnenstraße 8  |  45128 Essen

© 2018 Stiftung Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen

Kontakt

oneSheet Kontakt
Kontaktformular

Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen
Tel. +49 (0)201-89 66 80

Sie können uns Ihre Anfrage gerne per Kontaktformular senden.
Datenschutzerklärung   *
zukünftige Werbung:   
Ich bin damit einverstanden, dass das Klavier-Festival Ruhr Sponsoring und Service GmbH, Brunnenstraße 8, 45128 Essen, meine Daten auch verwendet, um mich künftig per E-Mail über Veranstaltungen des Klavier-Festivals Ruhr zu informieren. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z. B. per Brief an die o.g. Anschrift oder per E-Mail an info@klavierfestival.de oder telefonisch unter T. 0201/896680, ohne dass mir hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen.

Für eine Programmbestellung benötigen wir - neben den Pflichtfeldern (*) - auch Ihren Wohnort mit Straße, Ort und Länderangabe.