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Musikalische Stimmungsbilder um 1900

Zum Programm des Familienkonzerts

Charles Ives - Kind eines experimentierfreudigen Vaters

Charles Ives muss mit seinem Vater eine sehr glückliche Kindheit verbracht haben: Denn George Ives war nicht nur ein leidenschaftlicher Musiker und Komponist, der mehrere Instrumente spielte, sondern leitete in seiner Heimatstadt Danbury in New England auch mehrere Orchester, Chöre und Blaskapellen. In dieses musikalische Umfeld wurde im Jahre 1874 der erste Sohn der Familie, Charles, geboren. Früh erhielt der Junge Klavierunterricht, schlug in den Blaskapellen seines Vaters die Trommel und brillierte auch schon bald an der Orgel, sodass er mit 14 Jahren der jüngste Organist mit festem Gehalt im amerikanischen Bundesstaat Connecticut wurde.

Großen Einfluss auf Charles müssen vor allem die musikalischen Klangexperimente seines Vaters gehabt haben. Dieser forderte seinen Sohn oft auf, der Fantasie beim Spielen und Improvisieren freien Lauf zu lassen. Ein akustisches Ereignis scheint Charles Ives ganz besonders im Gedächtnis geblieben zu sein: Von einem Kirchturm aus hörten Vater und Sohn dabei zu, wie aus verschiedenen Richtungen in George Ives’ Auftrag Blaskapellen zur Kirche hin zogen, während jede einen anderen Marsch spielte.

Three Places in New England

Putnam's Camp

Dieses Experiment stand wohl Pate für einen klanglichen Effekt, den Charles Ives Jahre später im zweiten Satz seines zwischen 1903 und 1914 entstandenen Orchestral Set Nr. 1: Three Places in New England erzielen wollte: In Putnam’s Camp, Redding, Connecticut scheinen sich streckenweise mehrere Blaskapellen unter die Orchestermusiker zu mischen. Denn unter Verwendung zweier älterer Kompositionen sowie vieler kleiner Anleihen an patriotische, amerikanische Lieder (unter denen die bekanntesten wahrscheinlich London Bridge Yankee Doodle sind) malt Ives hier mit einer Prise Lokalkolorit das Bild einer Unabhängigkeitstagsfeier in einem Park in seinem späteren Wohnort Redding, auf dessen Areal der General Putnam einst seine Truppen versammelt hat. Dazu erzählt der Komponist eine das Klanggeschehen wie ein Programm beschreibende Geschichte von einem Jungen, der während einer Unabhängigkeitstagsfeier abseits des Geschehens einschläft, von General Putnam und dessen Soldaten träumt und, schließlich wieder aufgewacht, zurückkehrt zum großen Picknick mit dessen Kinderspielen und Musikkapellen.

The Housatonic at Stockbridge

Erinnerungen waren eine bedeutende Inspirationsquelle für Charles Ives, der heute als einer der wichtigsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts angesehen wird, obwohl er sein Leben nicht mit Musik, sondern mit einem erfolgreichen Versicherungsunternehmen verdiente und seine Werke hauptsächlich aus Liebhaberei schrieb. Auch der dritte Satz der Drei Orte in New England, The Housatonic at Stockbridge, erzählt eine persönliche Geschichte: In den Flitterwochen nach ihrer lang erkämpften Hochzeit unternahm Charles Ives mit seiner Frau Harmony einen Sonntagmorgenspaziergang entlang des Flusses Housatonic. Der Dunst über dem Wasser war noch nicht ganz verzogen und von der anderen Seite des Ufers drangen Gesänge aus einer Kirche zu dem Paar. In seinen biographischen Erinnerungen schreibt Ives:

„Die Farben, das Rauschen des Wassers, die Ufer und die Ulmen waren etwas, das man sein ganzes Leben lang behalten wird.“

Wie auch in Putnam’s Camp überlappen sich in diesem Satz unterschiedliche musikalische Ebenen zu einer so genannten Collage, einer Kompositionstechnik, die Charles Ives häufig angewendet hat, um mehrere Erzählstränge parallel nebeneinander zu verfolgen. Einerseits hört man in den Bratschen, den Hörnern und im Englischhorn eine Hymne, die angelehnt ist an einen bekannten protestantischen Kirchengesang, mit dem Ives nicht nur wieder einen lokalen Bezug herstellt, sondern sich sicher auch an seine Zeit als Organist erinnert. Andererseits fängt der Komponist die Farben und die Bewegung des Nebels über dem Fluss, das Plätschern des Wassers und das Rauschen des Windes in den Bäumen mit dissonanten, schwirrenden Klängen insbesondere in den Geigen ein.

Claude Debussy als musikalischer Bruder im Geiste

Eine solche Herangehensweise verbindet Charles Ives mit dem französischen Komponisten Claude Debussy, der als Hauptvertreter des musikalischen Impressionismus gilt. Beiden lag das Malen eines Stimmungsbildes mit klanglichen Mitteln besonders am Herzen, von dem ausgehend der Hörer zu eigenen musikalischen oder bildlichen Querverbindungen angeregt werden sollte. Auch wenn der Titel der 1901 uraufgeführten Nocturnes (Nachtstücke) einen gewissen Fingerzeig zum Verständnis seiner Komposition vorgibt, kommentiert Debussy die drei Sätze des Werkes als „einen Versuch über die verschiedenen Schattierungsmöglichkeiten einer einzigen Farbe – vergleichbar etwa einer Studie in Grau in der Malerei“. Grau in grau klingen diese Sätze allerdings bei weitem nicht. Den zweiten Satz Fêtes (Feiern) beschreibt Debussy ferner wie folgt:

„,Fêtes’: das ist die Bewegung, der tanzende Rhythmus der Atmosphäre mit grell aufblitzendem Licht; es ist auch die Episode eines Aufzugs phantastischer Gestalten, der sich durch das Fest bewegt und in ihm verschwindet; doch der Hintergrund bleibt stets derselbe: das Fest mit seinem Geschwirr von Musik und Lichtern, die in einem kosmischen Rhythmus tanzen.“

Diese bildhafte, impressionistische Beschreibung mag darüber hinwegtäuschen, dass Debussy seinem Werk einen ausgefeilten Kompositionsplan zugrunde gelegte hat, der in seiner Struktur (A-B-A) einem Scherzo mit Trio entspricht, also dem traditionellen dreiteiligen tanzartigen Satz innerhalb einer Symphonie. Im Mittelteil (B) der Fêtes erklingt ein Marsch, der sich ähnlich wie in Charles Ives Putnam’s Camp durch das Orchester zieht – gerade so wie Debussy es in seinem Kommentar beschreibt: Mittels der Instrumentation lässt er den Aufzug der Fantasiegestalten wie eine Klangbewegung im Raum in der Ferne beginnen und sie immer näher rücken, bis die Marschmusik sich im Ganzen auflöst. Durch die Wiederholung des ersten Teils überwiegt dennoch der Eindruck eines visionsartigen Reigens mit schnellen, grellen und wirbelnden musikalischen Figuren in den Holzbläsern, den Violinen und der Harfe.

Marschmusik als roter Faden

Marschmusik soll auch das heutige Programm abrunden, genauer: Militärmärsche wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Für seine unvollendete Operette The Devil’s Deputy schrieb John Philip Sousa seinen heute sehr beliebten Marsch The Liberty Bell, der sogar bei den letzten drei Amtseinführungen amerikanischer Präsidenten von den Musikcorps gespielt wurde. Ganz anders, da wesentlich kleiner besetzt, klingen dagegen die Marches militaires von Franz Schubert. Vierhändig am Klavier zu spielen waren sie für private Aufführungen gedacht, erklingen heute aber aufgrund ihrer hohen Popularität auch auf Konzertpodien.
Christine Lauter

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