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Phantasiewelten – Ma mère l’oye


„Jedes Kind ist gewissermaßen ein Genie
und jedes Genie gewissermaßen ein Kind.“
(Arthur Schopenhauer)

Zur Musik

Der französische Komponist Maurice Ravel war zeitlebens fasziniert von der phantastischen Welt der Kinder und verlor sich zuweilen in ihr – bei großen Gesellschaften fand man ihn häufig spielend im Kinderzimmer, umringt von kleinen Jungen und Mädchen. Auch die Tochter eines mit dem französischen Komponisten befreundeten Ehepaars, erinnert sich: „Ravel erzählte mir wunderbare Geschichten. Ich setzte mich auf seinen Schoß und er begann, ohne jemals müde zu werden, mit seinem Es war einmal…“. 1908 begann Ravel mit der Komposition seiner vierhändigen Klaviersuite Ma mère l’oye (Meine Mutter Gans), die er eben jener Tochter seiner Freunde, der 9-jährigen Mimi Godebski, und deren Bruder Jean widmete. Der Titel seiner Komposition bezieht sich auf die Märchensammlung Contes de ma Mère l’Oye der französischen Schriftstellerin Marie Leprince de Beaumont, Comtesse d’Aulnoy. 1911 orchestrierte Ravel die fünf Klavierduette, die auf bekannten Märchen wie der Geschichte von der Schönen und dem Biest oder dem kleinen Däumling basieren.
Das erste Duett der Sammlung, "Pavane de la Belle au bois dormant", bezieht sich auf die Geschichte des schlafenden Dornröschens und greift einen alten höfischen Schreittanz auf.

Die Geschichte des kleinen Däumlings (Petit Poucet) inspirierte Ravel zu einer Naturszene. Der kleine Däumling wandert durch einen Wald und streut Brotkrumen aus, in der Hoffnung, den Weg zurückzufinden. Doch überrascht stellt er fest, dass die Brotkrumen von Vögeln aufgepickt wurden. Die Bedrohlichkeit des Waldes und der umherirrende Däumling werden durch sich windende Reihen von Achtelnoten dargestellt. Zwischendrin erklingen leise verschiedene Vogelrufe, die den Däumling auf seinem Weg begleiten.

Während in "Petit Poucet" die Einsamkeit im Vordergrund steht, geht es in "Les Entretiens de la Belle et la Bête" um den Dialog zwischen der Schönen und dem Biest. Das Biest versucht die Schöne zu überzeugen, ihn zu heiraten. Nachdem das Mädchen zunächst erschrocken vor dem hässlichen Aussehen des Biests zurückweicht, lässt es sich nach und nach von dessen einfühlsamen Herz berühren und willigt schließlich ein, es zu heiraten. Belohnt wird ihre Liebe und Aufopferung durch die Verwandlung des Biests in einen Prinzen. In der Orchesterfassung des Werks wird das Tier durch ein im Kontrafagott erklingendes Motiv charakterisiert. Nach der Verwandlung, wunderschön durch ein Harfenglissando dargestellt, erklingt das Motiv des Biests dann zunächst in der Violine, anschließend im Violoncello.

Von ganz anderem Charakter ist "Laideronnette, impératrice des Pagodes" (Laideronnette, Kaiserin der Pagoden). Celesta, Glockenspiel, Piccoloflöte und Tamtam entführen uns mit ihren pentatonischen Melodien in die chinesische Märchenwelt. Erzählt wird von der Badezeremonie der chinesischen Kaiserin, deren Bad musikalisch von auf Walnussschalen spielenden Zwergen begleitet wird. 

Den Abschluss dieser musikalischen Märchensammlung bildet der Feengarten ("Le jardin féerique"), einer von dem Komponisten frei gestaltete Fantasie über einen von Feen bewohnten Zaubergarten, der mit wogenden und glitzernden Klängen charakterisiert wird.

Auch Igor Strawinsky hat einige Klavierduos komponiert, die sich an Kinder richten, unter anderem die Three Easy Pieces, aus denen das Klavierduo Anthony und Joseph Paratore den Walzer spielen werden, und die Five Easy Pieces for Piano 4-Hands, die Strawinsky später orchestrierte und aus denen die "Espanola" erklingen wird.

Gabriel Fauré widmete seine Dolly Suite der Tochter seiner langjährigen Freundin, Hélène Bardac, deren Spitzname Dolly war. Das bekannteste Stück dieser Sammlung, die sechs Klavierduette umfasst, ist "Berceuse", das in der Fassung für Klavier zu vier Händen erklingen wird ebenso wie die orchestrierte Fassung von "Kitty-Valse".

Zum Education-Projekt

Ravels musikalische Märchenerzählung Ma mère l’oye bietet zahlreiche Ansatzpunkte für ein interdisziplinäres Education-Projekt. Ziel dabei war es, die in den letzten Jahren mit der Emschergenossenschaft und den Bochumer Symphonikern entwickelte Zusammenarbeit auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus fortzusetzen, bestehende Kooperation mit Schulen nachhaltig auszubauen und neue Konzertformate zu erproben. So fanden im Vorfeld des Familienkonzertes bereits ein Schulkonzert und ein Kindergartenkonzert statt.

Im Rahmen des Education-Projekts beschäftigten sich Schüler unterschiedlicher Schulformen aus verschiedenen Städten des Ruhrgebiets über mehrere Monate mit Ravels Werk und dem Thema Märchen. Dabei wurden die Schüler in unterschiedlichen Kunstformen schöpferisch tätig. Während Grundschüler aus Bochum, Gelsenkirchen und Recklinghausen in mehreren Workshops ihre eigene Musik zu Szenen aus Ma mère l’oye erfunden haben, schrieben die EmscherKids eigene kleine Geschichten, erstellten Daumenkinos und setzen ein eigens geschriebenes Märchen filmisch um. Unterstützt wurden sie dabei von Richard McNicol und dem Education-Team des Klavier-Festivals Ruhr sowie Mitgliedern der Bochumer Symphoniker und zahlreichen anderen Künstlern.

Entstanden ist dabei eine vielfältige Mischung von Ausstellung, Ruhrgebietsmärchen, Videos und Musik, die im Vorfeld des Familienkonzerts im Foyer und im Saal des Audimax präsentiert wird.

Zu den Musikworkshops

Ausgehend von einzelnen Szenen aus Ma mère l’oye entwickelten Schülerinnen und Schüler aus dem Ruhrgebiet gemeinsam mit dem Education-Team des Klavier-Festivals Ruhr und Mitgliedern der Bochumer Symphoniker eigene kleine Musikstücke.
So griff die Jahrgangsstufe 3 der Drusenbergschule Bochum das Motiv der Schönen und das Biest auf. Unterstützt von der Geigerin Christiane Gurung erfanden die Schülerinnen und Schüler zwei sehr gegensätzliche Motive, die die Schöne und das Biest charakterisieren sollen. Da viele dieser Kinder auch am JeKi-Projekt („Jedem Kind ein Instrument“) teilnehmen, hatten wir hier die Chance auch mit Instrumente jenseits des Orff-Instrumentariums zu arbeiten. Die Schüler entwickelten so in Kleingruppen eigene kleine Melodien und Motive, die sie entsprechend ihrer Fähigkeiten auf ihren Instrumenten umsetzen. Dabei arbeiten die Kinder in den anderthalbstündigen Workshops sehr konzentriert mit, wie die Lehrerin Simone Falkenstein berichtet. „Insbesondere die Kinder, die Probleme haben sich zu konzentrieren, waren bei dieser Form der kreativen Arbeit sehr aufmerksam und beteiligten sich rege.“

In der Grundschule an der Bochumer Straße in Recklinghausen beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 3a und ihre Lehrerin Anna Appelbaum mit dem Märchen der chinesischen Kaiserin. Dieses Thema ist ein idealer Ausgangspunkt für kreative Arbeit im Musikunterricht, betont Richard McNicol: „In Laideronnette benutzt Ravel pentatonische Skalen, ein typisches Merkmal chinesischer Musik. Pentatonik, so wie sie zum Beispiel auch im Flohwalzer verwendet wird, ist perfekt für die schöpferische Arbeit im Klassenzimmer, da man die Skalen (z.B. C-D-F-G-A) auf jedem Orff-Instrument erstellen kann.“ Gemeinsam mit dem Klarinettisten Andreas Weiß von den Bochumer Symphonikern griffen die Schüler aus Recklinghausen die Idee des Rituals auf und entwickelten eine musikalische „Zeremonie“ mit pentatonischen Skalen.

Ausgehend von der Geschichte des kleinen Däumlings, der im Wald umherirrt, erfand die Klasse 4c der Turmschule Gelsenkirchen ihre eigene „Wandermusik“. Da wir mit dieser Klasse bereits zum zweiten Mal arbeiteten, konnten wir hier erstmals neue Wege gehen. So brachten wir den Komponisten Vassos Nicolaou, der bereits seit längerem mit dem Education-Team des Klavier-Festivals zusammenarbeitet, erstmalig in eine Schulklasse. Unterstützt von Richard McNicol und Ismene Then-Bergh von den Bochumer Symphonikern entwickelte er gemeinsam mit den Schülern die Idee der Wandermusik weiter. Um das Projekt nicht nur für eine Klasse umzusetzen, sondern für die gesamte Schule nachhaltig zu gestalten, wurden über das Projekt hinaus das gesamte Lehrerkollegium und alle Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Weise in die Arbeit eingebunden. Dadurch „verpufft das Projekt nicht als Sonderveranstaltung für eine Klasse, sondern alle Kinder profitieren davon“, wie Sieglinde Schwede, ehemalige Rektorin der Schule, erklärt. Auch das Schulkonzert  für sämtliche Klassen der Turmschule und die abschließende Präsentation im Rahmen des Familienkonzertes sind von großer Bedeutung für die teilnehmenden Schüler, wie Sieglinde Schwede hervorhebt: „Sie fühlen sich ernst genommen und in ihrer Arbeit bestätigt.“
Claudia Eckes-Kohlrautz

Weitere Informationen zum Projekt Phantasiewelten

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