Education Entdecken & Vermitteln Projektarchiv Folk Songs I Faszinationspunkt Volksmusik

Faszinationspunkt Volksmusik

„Ich komme immer wieder auf die Volksmusik zurück und versuche, Verbindungen zwischen ihr und meinen eigenen Ideen und Vorstellungen über Musik zu schaffen“, bekannte der italienische Komponist Luciano Berio (1925–2003) einmal in einem Interview: „Meine Verbindung zur Volksmusik sind dabei häufig emotionaler Art. Wenn ich mit dieser Musik arbeite, erfasst mich immer die Freude des Entdeckers.“

Mit seiner Entdeckerlust stand Berio nicht alleine da. Ob Brahms oder Britten, Ravel oder de Falla – immer wieder beschäftigten sich klassische Komponisten mit unterschiedlichen Formen der Volksmusik und ließen sich durch Hochzeits- und Klagegesänge, Liebes- und Wiegenlieder zu eigenen Werken inspirieren. Fasziniert waren sie dabei nicht nur von den musikalischen Qualitäten und der Ausdrucksintensität vieler Volksweisen, sondern auch von ihrer Verwurzlung im täglichen Leben der Menschen. So entwickelte Béla Bartók (1881–1945) zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Basis seiner Auseinandersetzung mit Bauernmusik eine neue ungarische Kunstmusik. Als Volksliedforscher bemühte er sich zugleich darum, eine gefährdete Kultur vor dem Vergessen zu bewahren. Auf zahlreichen Studienreisen sammelte er tausende Melodien unterschiedlicher Herkunft und beschäftigte sich intensiv mit ihrem kulturellen Umfeld.

Zu Berios Folk Songs

Auch Luciano Berio interessierte sich für die forschende Auseinandersetzung mit der Volksmusik. Zugleich betonte er jedoch immer wieder, dass er sich dem Material nicht vom Standpunkt eines um Objektivität bemühten Wissenschaftlers nähere, sondern als schaffender Künstler, der von seinen eigenen Interessen und Vorlieben geleitetet wird: „Es ist nicht mein Ziel, die Authentizität eines Volkslieds zu bewahren. Meine Bearbeitungen sind Analysen von Volksliedern, gleichzeitig übermitteln sie den besonderen Charakter dieser Musik, so wie ich sie empfinde.“

Berios Zyklus Folk Songs dokumentiert diesen schöpferischen Umgang mit volksmusikalischen Quellen auf eindrucksvolle Weise. In dem in den 1960er Jahren entstandene Werk stellte er neun Volksweisen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturkreisen sowie zwei selbsterfundene Melodien im Volksliedstil zusammen und versah sie mit eigenen instrumentalen Begleitungen.

Fassungen der Folk Songs

Die Folk Songs entstanden 1964 als Auftragskomposition des Mills College (Oakland), einer amerikanischen Universität, an der Berio damals als Kompositionslehrer tätig war. Berio schrieb das Werk zunächst in einer Kammerensemble-Fassung für Mezzosopran und sieben Instrumentalisten. Einige Jahre nach der erfolgreichen Uraufführung nahm er sich die Lieder erneut vor und erstellte 1973 eine zweite Fassung für Mezzosopran und Orchester. Beim Klavier-Festival Ruhr 2009 war das Werk in einer Fassung für Stimme und Klavier von Rudi Spring zu hören.

Werkstruktur und Quellen

Die Folk Songs lassen sich in einem erweiterten Sinne als Volkslied-Arrangements verstehen. So basieren die elf Lieder, mit Ausnahme von La donna ideale und Ballo, auf Volkslieder aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Einige von ihnen entnahm der Komponist aus gedruckten Volksliedsammlungen, andere hingegen wurden ihm vorgesungen oder er lernte sie auf Aufnahmen kennen und transkribierte sie nach dem Gehör. Berio hat nicht nur die Liedtexte in ihrer Originalsprache belassen, sondern in den meisten Fällen auch die Liedmelodien ohne große Änderungen übernommen. Die folgende Auflistung gibt eine Übersicht über die Herkunft der verschiedenen Lieder und ihre Quellen:

  1. Black is the colour… | USA (englisch)
  2. I wonder as I wander… | USA (englisch)
  3. Loosin yelav… | Armenien (armenisch)
  4. Rossignolet du bois | Frankreich (französisch)
  5. A la femminisca | Sizilien (sizilianischer Dialekt)
  6. La donna ideale | Italien (ligurischer Dialekt) | Komponist: Berio
  7. Ballo | Italien (Altitalienisch, 13. Jh.) | Komponist: Berio
  8. Motettu de tristura | Sardinien (sardischer Dialekt)
  9. Malurous qu’o uno fenno | Auvergne/Frankreich (Langue d’oc)
  10. La fiolaire | Auvergne/Frankreich (Langue d’oc)
  11. Azerbiajan Love Song | Aserbaidschan
Gesangsstimme und instrumentale Begleitung

Die Folk Songs setzen sich aus zwei verschiedenen Schichten zusammen: Den Volksliedmelodien und -texten in der Gesangsstimme und einer von Berio hinzu komponierten instrumentalen Begleitung. Diese Begleitschicht verändert sich nicht nur von Lied zu Lied, sondern unterscheidet sich in ihrer Tonsprache und Klanglichkeit erheblich von den Volksmelodien. In dieser Differenz zwischen dem vorgefundenen Material und der es gleichsam umhüllenden neuen Begleitschicht liegt der besondere ästhetische Reiz von Berios „Volksliedbearbeitungen“.

Ein Werk für Cathy Berberian

Wie viele seiner anderen Vokalwerke schrieb Lucian Berio die Folk Songs für die amerikanische Sängerin Cathy Berberian (1925-1983), mit der er von 1950 bis 1966 verheiratet war. Berio war nicht nur von dem großen Umfang und der ungeheuren Modulations- und Wandlungsfähigkeit von Berberians Stimme fasziniert, sondern auch von ihrer atemberaubenden Fähigkeit, die unterschiedlichsten vokalen Rollen anzunehmen und in kürzester Zeit zwischen ihnen hin und her zu springen. Die besonderen Anforderungen des Vokalparts der Folk Songs beschreibt Berio in einem Interview, das nach dem Tod von Cathy Berberian entstand, wie folgt:

Es handelt sich um elf vokale Stücke, die für den Hörer dann interessant werden, wenn die Stimme wirklich sehr modulationsfähig ist. Cathy hatte bei der Aufführung der Folk Songs elf verschiedene Stimmen. Wenn ich das Werk heute aufführe, benutzte ich zwei oder drei Sängerinnen, die sich die Stücke aufteilen. Ich habe bis jetzt noch keine andere Sängerin gefunden, die in der Lage wäre, alles zu machen.“ (zit. nach Nicola Scaldaferri, „Folk Songs de Luciano Berio: éléments de recherche sur la genèse de l’oeuvre“ in: Analyse Musicale 2001, H. 3, S. 42-54, S. 51; dt. Übersetzung: Tobias Bleek)

Weitere Informationen zum Projekt Folk Songs I

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