Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Donnerstag | 15. Juni 2017 | Fronleichnam | 20:00 Uhr
Die Besten der Besten
Preisträgerkonzert 1
Nikita Mndoyants
1. Preis Cleveland International Piano Competition 2016
Werkeinführung - Preisträgerkonzert 1

Die Sechs Bagatellen für Klavier op. 126 sind das letzte Werk für Klavier aus der Feder von Ludwig van Beethoven, sie entstanden nach der 9. Sinfonie und der Missa solemnis. Insgesamt hat Beethoven 24 Klavierstücke unter der Bezeichnung „Bagatelle“ veröffentlicht, die in unterschiedlichen Schaffensperioden entstanden und zu drei Werkgruppen zusammengefasst wurden. Der Begriff „Bagatelle“ bezieht sich auf die kleine Form, nicht aber auf den musikalischen Gehalt der Stücke, „Kleinodien“ sind sie eher als „Kleinigkeiten“. Gerade bei den späten Bagatellen op. 126 findet eine Verdichtung, ein Kondensat des musikalischen Gedankenguts statt. So wie der Zyklus dieser sechs Stücke angelegt ist, kontrastieren sie konsequent in ihrer Stimmung: Auf Heiterkeit folgt jeweils eine gedämpfte, traurige oder düstere Stimmung. In einer dreiteiligen Liedform ist die erste der Bagatellen in G-Dur geschrieben. Auf ein friedvolles Andante folgt ein eigenwilliges Allegro in g-Moll. Im wiegenden 3/8-Takt kommt das dritte Stück als Andante cantabile e grazioso daher. Auffällig ist der Kontrast zwischen Polyphonie und einstimmiger Einfachheit in der vierten Bagatelle, rhythmisch reizvoll sind die Synkopen. Fast naiv wirkt das fünfte Stück in seiner Einfachheit. Bei der letzten der Bagatellen folgt auf ein wütendes Presto ein zartes Andante amabile. Durch Beethoven erlangte die Gattung Bagatelle ein neues Niveau – „auch vermeintlich kleine Kunst kann großes Theater sein“, schrieb dazu der Musikwissenschaftler Sven Hiemke.

Das gilt ebenso für Robert Schumanns Davidsbündlertänze op. 6, jene kurzen, unterschiedlichen Stimmungsbilder, die einen tiefen Einblick in die Gemütsverfassung des jungen Komponisten gewähren. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung im August und September 1837 war Schumann 27 Jahre alt. Als „Davidsbund“ bezeichnete er eine Gruppe von Künstlern, die sich gegen rückständiges Denken in der Kunst, gegen alles „Philisterhafte“ wandte, wie man es in der damaligen Zeit ausdrückte. Nicht ohne Grund hat Schumann den Bund nach dem biblischen David benannt, der als Knabe den Kampf mit Goliath, dem Anführer der Philister, aufnahm – ein starkes Bild. Allerdings existierte der „Davidsbund“ allein in Schumanns Vorstellung. Er rechnete ihm lebende und imaginäre Mitglieder zu, dazu gehörten auch Florestan und Eusebius, die beiden Pseudonyme Schumanns, mit denen er seine Artikel in der von ihm gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“ unterschieb. Auch die 18 Stücke der Davidsbündlertänze signierte Schumann in der ersten Ausgabe mit F für Florestan und E für Eusebius. Dabei steht Florestan für die leidenschaftliche, überschwängliche Seite Schumanns und Eusebius für Sanftheit und Poesie.

Schumann stellte den 18 Stücken, die in zwei Heften zu je 9 Nummern angeordnet sind, den alten Leitspruch voran: „In all’ und jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid: Bleibt fromm in Lust und seyd dem Leid mit Muth bereit.“ Das lässt sich als biografischer Hinweis verstehen, denn zur Zeit der Entstehung der Davidsbündlertänze erlebte Schumann ein Wechselbad der Gefühle: Er hielt um die Hand Clara Wiecks an – und wurde von Claras Vater Friedrich Wieck schroff abgewiesen, nicht aber von Clara selbst, mit der sich Schumann am 15. August des Jahres 1837 heimlich verlobt hatte. Schumann entnahm das „Motto von C.W.“ (C.W. steht natürlich für Clara Wieck), das den Zyklus der Davidsbündlertänze eröffnet, einer Mazurka aus Claras Soirées musicales op. 6. Dieser Opuszahl passte Schumann bewusst auch die Opuszahl seines eigenen Werks an, wodurch einige früher entstandene Stücke wie der Carnaval op. 9 höhere Opuszahlen erhielten. Später gestand Robert Schumann seiner Clara: „Was aber in den Tänzen steht, das wird mir meine Clara herausfinden, der sie mehr wie irgend etwas von mir gewidmet sind – ein ganzer Polterabend nämlich ist die Geschichte u. Du kannst Dir nun Anfang und Schluß aus mahlen. War ich je glücklich am Clavier, so war ich es als ich sie componirte.“

Mit seinen 2007 entstandenen Variationen über ein Thema von Paganini stellt sich Nikita Mndoyants heute Abend als Komponist vor. Das Thema entstammt der berühmten 24. Caprice in a-Moll für Violine solo von Niccolò Paganini, der letzten der Capricen, die dieser als sein Opus 1 veröffentlichte. Damit knüpft Nikita Mndoyants an eine lange und prominente Tradition von Paganini-Variationen an: Die berühmtesten Variationen aus dem 19. Jahrhundert stammen aus der Feder von Liszt und Brahms, im 20. Jahrhundert schrieben Rachmaninow, Casella, Dallapiccola, Blacher und Lutosławski Paganini-Variationen. In Mndoyants Komposition wird das Thema zunächst in unterschiedlichen Registern vorgestellt und dann in sieben Variationen kunstvoll verändert. Jede der Variationen hat ihren eigenen Charakter und ihren eigenen Aufbau, dabei fasziniert vor allem Mndoyants virtuoser Umgang mit der Polyphonie: Die dritte Variation mutet an wie ein frühbarockes Stück, die fünfte Variation ist ein raffiniertes Fugato. Eine Toccata bildet als letzte Variation den fulminanten Höhepunkt der Komposition.

Mehr als vier Jahrzehnte lang beschäftigte sich Sergej Prokofjew mit der Gattung der Klaviersonate. Er war selbst ein hervorragender Klaviervirtuose und spielte fast ausnahmslos seine eigenen Kompositionen. Das Triptychon der 6., 7. und 8. Sonate wird oft als „Kriegssonaten“ bezeichnet, sie entstanden im Zeitraum von 1939 bis 1944. Es ist Musik, in der der Krieg seine Spuren hinterlassen hat, aber auch die Sehnsucht nach dem Frieden. Für Prokofjew war es normal und sogar inspirierend, an verschiedenen Werken gleichzeitig zu arbeiten. 1939 skizzierte er die drei Sonaten mit insgesamt zehn Sätzen alle auf einmal. Prokofjews Frau berichtete über den Kompositionsprozess, dass er „jedes Mal, wenn er in einem Satz auf ein Problem stieß, einfach zum nächsten Satz überging, ohne Zeit zu vergeuden.“ Stilistisch ähneln die drei Sonaten einander, mit teilweise schroffen Themen, unnachgiebigen Rhythmen und groß dimensionierten Strukturen. Für die Sonate Nr. 7 in B-Dur op. 83 aus dem Jahr 1942 bekam Prokofjew den Stalinpreis – dabei litt er bereits zu dieser Zeit unter den ideologischen Peinigungen seines Widersachers Stalin. Die Sonate Nr. 8 in B-Dur op. 84 besteht nur aus drei Sätzen und enthält keinerlei Scherzo, da schon der langsame, gefühlvoll ausklingende Mittelsatz in der Form eines Menuetts ausgeführt ist, also die Tanzform aufgreift. Auch der ausladende Eingangssatz hat ungewöhnlicherweise ein langsames Zeitmaß und spielt mit dem Gegensatz klanglich weicher Gedanken und rhythmischer Prägnanz. Der virtuose, spielfreudige Finalsatz setzt überraschend mit einer Reihe von Arpeggien ein und stürmt dahin als vitales Feuerwerk mit eindrucksvoller Schlusskulmination. Swjatoslaw Richter schrieb über Prokofjews achte Sonate: „Von allen Sonaten Prokofjews ist sie die reichste. Sie enthält ein ganzes Menschenleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten. Zeitweise erstarrt es in ihr, als lausche man auf den unerbittlichen Lauf der Zeit. Sie ist ein bisschen schwer zu verstehen, aber durch ihren Reichtum wie ein Baum, dessen Zweige die Last der Früchte zu tragen haben.“

Dorle Ellmers

Wir danken dem

 

 

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