Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Mittwoch | 19. Juli 2017 | 20:00 Uhr
Telemann und einige seiner Zeitgenossen
Jean-Christophe Dijoux (Cembalo)

„Ein Lully wird gerühmt; Corelli lässt sich loben - nur Telemann allein ist übers Lob erhoben.“ Mit diesen Worten hat sich einmal kein Geringerer als Johann Mattheson vor Georg Philipp Telemann verbeugt. Mattheson war damals der einflussreichste deutsche Musiktheoretiker. Und wenn so eine Instanz nun einem Komponisten wie Telemann verbal einen Lorbeerkranz aufsetzte und ihn sogar über die damaligen Giganten Jean-Baptiste Lully und Arcangelo Corelli stellte, galt das als außergewöhnliche Auszeichnung. Mit seiner Huldigung stand er natürlich nicht allein. Immerhin war Telemann zu Lebzeiten nicht nur berühmter als sein Zeitgenosse Johann Sebastian Bach, sondern wurde in ganz Europa bewundert. Nach seinem Tod vor genau 250 Jahren sollte der Stern eines Komponisten jedoch rasch verblassen, der nicht nur ein unfassbar fleißiger Vielschreiber gewesen ist (sein Nachlass wird auf 3600 Werke geschätzt). Telemann hatte auch die Internationalisierung der musikalischen Sprache vorbildhaft vorangetrieben, indem er neben französischen und italienischen Stilelementen etwa polnische Tanzrhythmen verarbeitete.

Als Telemann von 1704 bis 1708 Kapellmeister am Hofe des Grafen Erdmann II. von Promnitz im polnischen Żary (Sorau) war, lernte er die aktuellen französischen Klangmoden kennen. So konnte er all die Partituren etwa von André Campra und Jean-Baptiste Lully eifrig studieren, die der frankophile Graf von seinen Reisen mitgebracht hatte. Vielleicht befanden sich in der Notenbibliothek des Grafen ja auch die zwei Pièces de clavecin-Hefte aus der Feder des damals einflussreichen Komponisten, Organisten und Cembalisten Nicolas Antoine Lebègue. Der war einer der vier Hoforganisten des Königs und schrieb neben seinen drei Livres d'Orgue zwischen 1677 und 1687 zwei Sammlungen mit insgesamt 11 Suiten, die zu den meistgespielten Cembalo-Werken seiner Zeit gehörten. Aus dem ersten Heft seiner Pièces de clavecin erklingt heute eine sechssätzige Suite.

Wie Telemann später in seiner Lebensbeschreibung bekannte, soll er während seiner Amtszeit in Żary stolze 200 Orchester-Ouvertüren geschrieben haben. Die für Cembalo um 1742 komponierte Ouvertüre in G-Dur TWV 32:13 gehörte hingegen zu einer Sammlung von sechs Ouvertüren und kombiniert laut dem heutigen Solisten Jean-Christophe Dijoux „die schelmische Chromatik der Courante und die unverhohlen-fröhliche Stimmung der Bourées mit der vokalen Entfaltung der Aria (‚Singen ist das Fundament zur Music in allen Dingen‘, wie Telemann selbst schrieb).“ Zum Abschluss der ersten Programmhälfte kommen wir schließlich in den Genuss der Ciaconne di M. Lyllig, die der Versailler Hofkomponist Jean-Baptiste Lully 1683 für seine Tragédie lyrique „Phaëton“ geschrieben hatte. Kurz darauf sollte Lullys Kollege Jean-Henry d´Anglebert diese klangrhetorisch exquisit gestaltete Chaconne für Cembalo einrichten – wohl auch mit Zustimmung des musikalischen Zeremonienmeisters und Chefideologien des Sonnenkönigs. Und schon bald fand diese Version ihren festen Platz in einer Notensammlung, die der Bruder des großen Bach, Johann Christoph Bach, um 1710 angelegt hatte und die heute als „Möllersche Handschrift“ bekannt ist.

Der zweite Konzertteil gehört zunächst dem Telemann-Anhänger, Musiktheoretiker und nicht zuletzt Komponisten Johann Mattheson. 1731 schrieb er in Hamburg seine „Grosse Generalbaß-Schule“, die eines der wichtigsten Traktate über den Generalbass im deutschsprachigen Raum war. Wie aber Jean-Christophe Dijoux betont, „beschäftigt es sich nicht mit dem Problem des Continuos in Zusammenhang mit einer Oberstimme, sondern mit dessen solistischer Dimension, im Sinne des italienischen Partimento. Die achtundvierzig Prob-Stücke sind völlig eigenständige Cembalostücke, die aus der Basslinie über den Generalbass sowie die Improvisation hervorgehen. Oder um es mit Matthesons eigenen Worten zu sagen: „Wie denn der General-Baß nichts anders ist / als eine solche augenblickliche Composition und Erfindung der übrigen Stimmen zum gesetzten Fundament.“

Über die luftig-unterhaltsame Fantasie in E-Dur, die Telemann zusammen mit 35 weiteren Fantasien 1732 in Hamburg veröffentlicht hatte, schließt sodann der Programmkreis mit einem weiteren Granden der französischen Cembalo-Musik. Es ist Jean-Philippe Rameau, der später auch zum Leitstern Claude Debussys wurde. So schrieb der französische Vater der Moderne 1912: „Rameau ist, ob es man dies nun wahrhaben will oder nicht, eines der sichersten Fundamente der Musik, und man kann gefahrlos auf dem schönen Weg voranschreiten, den er vorgezeichnet hat.“

Ingesamt rund 60 Stücke für das Cembalo bzw. Clavecin sind von Rameau überliefert. Die u.a. auf fünf Suiten verteilten Piècen fallen allesamt in einen Zeitraum, in dem Rameau sich auch einen Namen als Musiktheoretiker gemacht hat. Nachdem 1706 die erste Suite veröffentlicht wurde, ließ sich der damals erst 23-jährige Rameau bis zu seinen Suiten-Sammlungen Pièces de clavecin von 1724 fast zwanzig Jahre Zeit. Hieraus stammt auch die mit allerlei Charakterstücken gespickte Suite in e-Moll, in der sich sogar ein Vogelschwarm lauthals zu Wort meldet.

Guido Fischer

 

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