Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 06. Juni 2017 | 20:00 Uhr
Preis: € 36 | 24 | 18
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The Americas: Sonata
Ya-Fei Chuang
Robert Levin
Persönliche Momente

Ein Interview mit Robert Levin zum heutigen Konzertprogramm

Sie haben für dieses Konzert viele Stücke ausgewählt, die auch mit Ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld zusammenhängen, das zeigt sich schon in den Eröffnungswerken von Yehudi Wyner.

Wir sind inzwischen eng befreundet. Wir haben schon vor vielen Jahren an der Universität in New York zusammengearbeitet, und unsere Wege haben sich oft gekreuzt. Sein Vater war ein Komponist, der sich gut in der jüdischen Musik und Ästhetik auskannte, er hat wunderbare Lieder und Chöre komponiert. Yehudi ist Jahrgang 1929 und in Kanada geboren; er hat vom Rom-Preis bis zum Pulitzer-Preis 2006 etliche hohe Auszeichnungen erhalten. In seinen Werken zeigt sich der jüdische Einfluss, aber es gibt auch fließende Übergänge zur Unterhaltungsmusik. Wyners Musik lebt von viel Humor, zeigt aber auch expressionistische Tendenzen, sie kann sehr warm, sehr emotional aufgeladen klingen, manchmal sogar richtig unverschämt – auf jeden Fall aber sehr zugänglich.

Alle drei Werke, die Sie heute spielen werden, sind Ihnen gewidmet.

Ja. Straccio vecchio klingt wie auf einem Markt in Rom, wenn einem dort alte Sachen schreiend feilgeboten werden. Sauce 180 geht indirekt auf ein mehrteiliges Seminar für Analytik und Kammermusik zurück, das ich an der Harvard-Universität angeboten hatte; als ich dann ein Sabbatical-Semester einlegte, war Yehudi mein Stellvertreter. Ich hatte ihn zu mir nach Hause eingeladen und plante, selbst eine Pasta-Sauce zuzubereiten – und er hat darüber ein kleines Klavierwerk geschrieben. Es dauert nicht länger als eine Minute und umfasst nur eine Notenseite, ist aber sehr atmosphärisch. Mano a mano ist ganz anders gelagert. Ich war gestürzt und hatte eine Verletzung an der Hand, kurz bevor ich nach London fliegen und ein Orchester dirigieren sollte. Gut, mein Heilpraktiker konnte mir noch rechtzeitig helfen, aber Wyners Stück fängt genau diese Situation ein. Es sind einige Jazz-Elemente zu hören, aber im Mittelteil auch viele polyphone, ausdrucksstarke Momente.

Sozusagen eine Art Triptychon dreier Lebenssituationen?

Ein bisschen schon, auf jeden Fall fängt es Wyners gesamte Ausdruckspalette ganz gut ein.

Wie lange kennen Sie John Harbison?

Fast 50 Jahre. Ich lernte ihn als Student in Harvard kennen, ihn und seine Frau Rose Mary Harbison, eine Geigerin. Er sollte das Abschiedskonzert dirigieren, als ich Harvard verließ, und in diesem Konzert wollte ich dem Publikum verschiedene, von mir vervollständigte Mozart-Fragmente präsentieren. Ich hatte eigentlich einen Freund gebeten, die Geigenstimme des Doppelkonzerts für Violine und Klavier von Mozart zu übernehmen, er aber sagte ab und empfahl mir Rose Mary – so kam dann auch der Kontakt zu John zustande. Harbison stammt aus Princeton, ist der Sohn eines berühmten Historikers, hat dann in Harvard studiert, später auch bei Dallapiccola und in Berlin bei Boris Blacher. Er hat auch einen Meisterkurs in Dirigieren bei Herbert von Karajan belegt, und dieser war von Harbison dermaßen begeistert, dass er sagte, er solle sich ganz auf eine Karriere als Dirigent konzentrieren und könne dann sogar Karajans Nachfolger werden. Das hat Harbison aber nicht getan. Er hat sich für die Komposition entschieden, auch wenn er immer viel dirigiert hat.

Wie haben Sie ihn denn als Komponist kennengelernt?

Ich war ungefähr 19 oder 20 Jahre alt. Als ich erstmals mit seiner Musik in Berührung kam, war mir schnell klar, dass er eines Tages eine wichtige Rolle in der amerikanischen Musikgeschichte spielen würde – und daher habe ich seine Werke oft zur Aufführung gebracht. John hat im Laufe der Jahre in Amerika jeden Preis von Rang und Namen gewonnen. Auch in Deutschland wird er allmählich bekannter. 2015 ist seine Oper The Great Gatsby nach F. Scott Fitzgerald in Dresden uraufgeführt worden; sie wird auch jetzt wieder gespielt. Er besitzt einen genauen Sinn für die Musik der Gegenwart, kennt sich aber bei Heinrich Schütz ebenso gut aus wie bei Anton Webern oder Karlheinz Stockhausen. Ich fand seine Musik immer faszinierend, weil sie intellektuell fundiert ist und gleichzeitig tiefe menschliche Gefühle zum Ausdruck bringt. Harbisons Musik besitzt immer eine Botschaft. Er scheut sich nicht, bei der so genannten U-Musik Gebrauch zu machen, bettet sie aber immer auf hohem Niveau in seine Werke ein.

Beim Klavier-Festival Ruhr spielen Sie die zweite Sonate.

Seine erste Sonate habe ich 1992 aufgeführt, als ich Professor an der Hochschule in Freiburg war, anschließend auch in Chicago. Nach dieser Aufführung habe ich zu John gesagt: „Jetzt sollte es auch bald eine zweite Sonate geben, die ich hiermit bestelle.“ Er steckte aber zu dem Zeitpunkt in anderen Verpflichtungen und Kompositionsaufträgen fest. John entgegnete: „Ich verspreche Dir diese Sonate, lass uns einen Vertrag aufsetzen“ – so wie man es in Amerika häufig macht, selbst wenn keine großen finanziellen Verpflichtungen damit verbunden sind. So fertigte er ein Dokument an, in dem er mir versprochen hat, diese Sonate für einen Dollar zu komponieren. Später ist sein Verlag für diesen Betrag aufgekommen… Im Jahr 2000 hat er mir die zunächst dreisätzige Sonata No. 2 geliefert. Danach zog er sich nach Italien zurück, um dort sein viertes Streichquartett zu komponieren. Doch während dieser Arbeit fiel ihm auf, dass an der Sonate etwas nicht stimmt. Es fehlte etwas, sozusagen der geistige Kern, und so komponierte er noch einen vierten Satz.

Was geschieht in diesen vier Sätzen?

Die Reihenfolge ist: Intrada – Aria – Ricercar – Variazioni. Der erste Satz beginnt sehr atmosphärisch, man hört unter anderem Kirchenglocken. Die Aria ist leuchtend, weist aber schon auf Erschütterung und Klage hin und lässt eine Katastrophe erahnen, die dann im dritten Satz hereinbricht. Das Ricercar beginnt mit einem Kanon zweier Stimmen, harmlos wie ein Spielzeug, dann aber bricht eine wilde, erbarmungslose Fuge los – es führt zu einer Explosion, die alles in Trümmer schlägt. So wollte Harbison seine Sonate zunächst beenden! Doch zum Glück hat er es sich anders überlegt. Es folgt die Reihe von ausgeglichenen Variationen. Es sind Geister-Variationen, bei denen das eigentliche Thema nicht gespielt wird. Das ist kein neues Verfahren, das gibt es auch etwa bei Igor Strawinsky. Der Clou ist, dass die beiden Hände sich einander entgegengesetzt, ihrem Spiegelbild entsprechend, bewegen. So entwickelt Harbison die Ästhetik der Barockzeit bis in die Gegenwart weiter.

Wie haben Sie die Sonate einstudiert?

Ich war zu dem Zeitpunkt in Taiwan, hatte die Handschrift mitgenommen und das Werk genau studiert. Auf dem Rückflug habe ich John einen langen Brief geschrieben, sechs Seiten lang, mit Fragen und Anmerkungen. Es waren über 70 Fragen, ob hier ein Kreuz fehle oder dort ein Vorzeichen aufgelöst werden könne. Und bis auf zwei hat er alle meine Anmerkungen übernommen. Er war völlig verblüfft, dass ich mich so gut in seine Musik hineinversetzen konnte.

Die drei Werke von Earl Wild spielt Ya-Fei Chuang, Ihre Frau.

Sie hatte schon bei einem früheren Auftritt hier beim Klavier-Festival Musik von Earl Wild gespielt, neben Werken von George Gershwin. Daher lag es nahe, nun für dieses Programm sich erneut in seinem Werkkatalog umzusehen. Die Sonate 2000 ist ein groß angelegtes, sehr virtuoses Werk – übrigens ähnlich virtuos wie die Bearbeitung des Rakoczy-Marsches von Berlioz, den auch Vladimir Horowitz bearbeitet hatte. Theme and Variations on "Someone to Watch Over Me" sind wie eine große Improvisation. „Someone to Watch Over Me“ liefert wiederum einen Bezug zu Gershwin, der diesen Song für sein Musical „Oh Kay“ 1926 komponierte. Das Lied, dessen Text übrigens von Gershwins Bruder Ira stammt, erlangte Weltruhm. Sinatra und Barbara Streisand haben es gesungen und viele andere. Earl Wild aber mischt diese Vorlage mit anderen, mit klassischen Werken. Der Hörer wird immer wieder stutzen und überlegen: Könnte das etwa Puccini sein, und das von …? Ich möchte nicht alles verraten, das würde die Freude beim Raten mindern.

Bleibt Harold Shapero. Seine Sonate für Klavier zu vier Händen stammt aus den frühen 40er Jahren.

Von 1941, ja. Da war Shapero, der aus Lynn in Massachusetts stammt, 21 Jahre jung. Er hatte unter anderem bei Paul Hindemith Kurse belegt und auch bei Nadia Boulanger. Die Sonata for Piano Four Hands ist, wie viele andere Stücke aus dieser Zeit, sehr rhythmisch geprägt, sehr agogisch. Wiederum gibt es einige Anleihen bei der Unterhaltungsmusik, aber auch Entlehnungen bei Aaron Copland wird man erkennen. Das alles ist sehr gekonnt gemacht. Das Werk besteht aus drei Sätzen. Am Anfang steht eine langsame Einleitung, bevor ein schnellerer, rhythmisch straffer Abschnitt beginnt. Es folgt der langsame Satz mit sehr melodischen Elementen, die unterbrochen werden durch Zwischenrufe und aufgeregte Passagen, bevor der schnelle Finalsatz folgt, tanzartig, fast wie eine Rumba und mit einem fulminanten Schluss. Man merkt diesem Stück an, dass es zu einer Zeit entstanden ist, als man sich in Amerika noch sehr an klassischen Mustern orientiert hat.

Christoph Vratz

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