Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Mittwoch | 24. Mai 2017 | 20:00 Uhr
Lied 2
Graham Johnson
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2001
Robin Tritschler (Tenor)
Soraya Mafi (Sopran)
Werkeinführung zum Liederabend

Wie das Land selbst wurde das nordamerikanische Lied durch Einflüsse aus vielen anderen Ländern geprägt. Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, räumlich weit entfernt von Europa, spielte die europäische Tradition zwar eine wichtige Rolle, aber man ging damit etwas unverkrampfter um als in Europa selbst. Zwischen den beiden Weltkriegen etablierte sich in der nordamerikanischen Musik und insbesondere im amerikanischen Lied eine eigene Identität, die weltweit Anerkennung fand. Graham Johnson, Soraya Mafi und Robin Tritschler beleuchten sowohl den Einfluss der europäischen Tradition auf das nordamerikanische Lied als auch die eigenständigen, spezifisch amerikanischen Spielarten des Kunstliedes. Den Zuhörer erwartet ein facettenreicher Abend – ein Kaleidoskop von Liedern aus den USA.

Der erste bekannte Komponist amerikanischer Kunstlieder war Stephen Foster (1826–1864), der viel zur Entwicklung des amerikanischen Liedes beigetragen hat und als „amerikanischer Schubert“ bezeichnet wurde. Sein Vorbild war allerdings eher der irische Lied-Komponist Thomas Moore, ein wenig wohl auch die italienische Oper und afroamerikanische Musik. Fosters Lieder wurden in allen Schichten und Milieus gesungen, die Texte schrieb er überwiegend selbst.

Viele amerikanische Komponisten gingen zum Studium nach Deutschland. Unter ihnen war auch der Pianist und Komponist Ethelbert Nevin (1862–1901), der zwischen 1884 und 1886 in Deutschland weilte und bei Hans von Bülow Unterricht erhielt.

Charles Ives (1874–1954) ist heute einer der bekanntesten amerikanischen Komponisten, zu seinen berühmtesten Werken zählen The Unanswered Question und Central Park In The Dark. Ives gründete 1907 seine eigene Versicherungsgesellschaft Ives & Co, die ihm ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichte. Das Komponieren war seine Freizeitbeschäftigung – dabei legte er eine erstaunliche Produktivität an den Tag und komponierte für alle Gattungen. Insgesamt schrieb Ives 150 Lieder, in denen er anfangs noch den Stil des deutschen bzw. französischen Kunstliedes des 19. Jahrhunderts imitierte. Die späteren Lieder sind originelle Schöpfung mit spezifisch amerikanischen Eigenschaften. Dabei ließ Ives Zitate aus Hymnen, Volksliedern und Ragtimes einfließen, verwendete Sprechpassagen und sogar Pfeiftöne.

Die erste Frau, die in Amerika als Komponistin von sich reden machte, war Amy Beach (1867–1944). Sie wurde zu einer hervorragenden Pianistin ausgebildet, war als Komponistin aber weitgehend Autodidaktin. Wie man ein Orchesterwerk instrumentiert, lernte sie durch Hector Berlioz‘ Buch über Instrumentationslehre. Ihre Lieder sind im Geiste der Spätromantik komponiert mit einem üppigen Klaviersatz, aus dem die versierte Pianistin spricht. Bei der Textauswahl bevorzugte Amy Beach Klassiker wie Shakespeare und Goethe.

Im zarten Alter von neun Jahren schrieb Samuel Barber (1910–1981) an seine Mutter: „Dear Mother, meine Bestimmung ist, Komponist zu sein, und ich bin sicher, dass ich das werde (…) Verlang nicht von mir, diese unerfreuliche Sache zu vergessen und Football spielen zu gehen – bitte“. Am Curtis Institute of Music erhielt Barber eine sehr konservative musikalische Ausbildung, vielleicht rührt daher seine Vorliebe für die Tradition des neoklassizistischen Stils. Der Ruhm seines Adagio for Strings überstrahlt sein restliches Schaffen, dabei hinterließ Barber ein facettenreiches Werk, von dem zwei Drittel dem Kunstlied gewidmet sind. Seine lyrischen Liedschöpfungen wurden in Amerika sehr beliebt und machten ihn zu einem der meistaufgeführten Komponisten seiner Generation.

John Duke (1899–1984) war Pianist und wurde von Harold Randolph unterrichtet, der noch ein Schüler von Clara Schumann, Hans von Bülow und Franz Liszt gewesen war. Als Dreißigjähriger reiste Duke für ein Jahr nach Berlin und Paris und nahm Kompositionsunterricht bei Artur Schnabel und Nadia Boulanger, der berühmtesten Kompositionslehrerin des 20. Jahrhunderts, bei der Generationen von Komponisten ihr Handwerkszeug erlernten. Duke schuf insgesamt um die 260 Lieder, die den Einfluss des deutschen Kunstliedes im 19. Jahrhunderts erkennen lassen und in den USA zu großer Beliebtheit gelangten.

Für Dominick Argento (*1927) war George Gershwin immer ein großes Vorbild. In den 1950er-Jahren reiste Argento, ein Sohn sizilianischer Einwanderer, nach Italien, wurde Schüler von Luigi Dallapiccola und erhielt von ihm wichtige Impulse. Mehrere Opern stammen aus der Feder Argentos, die auch auf europäischen Bühnen zur Aufführung kamen. 1975 gewann er den Pulitzer Prize of Music für den Zyklus From the Diary of Virginia Woolf. Argentos Stil kann man als heterogenen Eklektizismus bezeichnen, er kombinierte bewusst ganz verschiedene Stilelemente von der Atonalität bis zur Salonmusik.

Früh zeigte sich Paul Bowles‘ (1910–1999) schriftstellerische Gabe, doch auch sein musikalisches Talent trat bald zutage, und so entschied er sich für ein Musikstudium. Bowles ist in seinem Leben viel gereist, nach Europa und nach Marokko, wo er einige Jahre in Tanger verbrachte. Sein bekanntester Roman trägt den Titel Himmel über der Wüste, er war aber auch ein produktiver Komponist, schrieb Instrumentalmusik, mehrere Opern und eine Reihe von Liedern.

Ned Rorem (*1923) zählt zu den angesehensten lebenden Komponisten in den USA. Er studierte unter anderem bei Aaron Copland und plante mit Mitte zwanzig, für drei Monate nach Frankreich zu gehen. Aus den drei Monaten wurden neun Jahre, in denen er Schüler von Arthur Honegger wurde und Kontakte zu Jean Cocteau und Francis Poulenc knüpfte. Wichtige Einflüsse waren für Rorem der französische Impressionismus und der Neoklassizismus. Nadia Boulanger lehnte Rorem als Schüler ab, nicht wegen mangelnder Begabung, sondern weil sie seine bereits ausgeprägte Persönlichkeit als Komponist nicht beeinflussen wollte.

Cole Porter (1891–1964) hat etwa 40 Musicals komponiert und die zugehörigen Liedtexte geschrieben, viele Hits daraus wurden zu Jazz-Standards und Evergreens. Porter studierte zunächst Jura in Harvard. Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg ging er als Freiwilliger für eine amerikanische Hilfsorganisation nach Frankreich und blieb nach Kriegsende in Paris, wo er an der privaten Musikhochschule Schola Cantorum studierte. Erst Ende der 1920er-Jahre kehrte Porter in die USA zurück und wurde mit seinen Musicals berühmt.

„Can Can“ stammt aus dem gleichnamigen Musical, nach Kiss Me, Cate sein erfolgreichstes Musical. Uraufgeführt wurde Can-Can 1953 in New York, die Handlung spielt im Jahr 1893 in Paris. Auch „I love Paris“ stammt aus Can-Can und ist eine Liebeserklärung Porters an die französische Hauptstadt.

Mit seiner schillernden Persönlichkeit und seiner erstaunlichen Mehrfachbegabung als Komponist, Stardirigent und Pianist trug Leonard Bernstein (1918–1990) entscheidend zum musikalischen Selbstbewusstsein der USA bei. Nächstes Jahr feiert die Musikwelt seinen 100. Geburtstag. Bernstein komponierte für unterschiedlichste Gattungen, berühmt wurde vor allem sein Musical West Side Story. Sein Stil orientierte sich an Jazz, Unterhaltungsmusik und lateinamerikanischer Folklore. „Who am I“? stammt aus Bernsteins Musical Peter Pan aus dem Jahr 1950.

Elliott Carter (1908–2012) ist 103 Jahre alt geworden und war bis zu seinem Lebensende enorm produktiv. Zwei sehr unterschiedliche Menschen haben ihn stark beeinflusst: Charles Ives und Nadia Boulanger, bei der er in der 1930er-Jahren Unterricht in Paris erhielt. In jungen Jahren komponierte Carter sehr komplex und entwickelte die europäischen Einflüsse weiter. Daniel Barenboim sagte über ihn: „Carter wurde zur Symbolfigur, weil er Amerika und Europa zu verbinden wusste.“ Das Lied „Dust of Snow“ entstand im Jahr 1942 und orientiert sich noch am französischen Neoklassizismus.

Auch Theodore Chanler (1902–1961) gehört zu den vielen amerikanischen Komponisten, die bei Nadia Boulanger in Paris Unterricht erhielten. Chanler war damals noch ein Teenager und sah in Gabriel Fauré ein großes Vorbild. Zurück in Amerika konzentrierte er sich auf die kleine Form und konnte sein feines Gespür für Melodien und Harmonien im Kunstlied gut zum Einsatz bringen.

Als Konzertpianist und Komponist machte Lee Hoiby (1926–2011) Karriere. Er hatte bei Darius Milhaud in Oakland Komposition studiert und konzentrierte sich als Komponist auf Oper und Lied. „Dank seines empfindsamen Umgangs mit Sprache und der Ausdruckskraft fügen sich seine Lieder nahtlos in die Reihe der einfühlsamsten und meistgeschätzten amerikanischen Kunstlieder ein“, schrieb das Fanfare Magazine über Hoiby. Das lustige Lied „The Serpent“ aus dem Jahr 1979 ist ebenso heiter wie gemütvoll – und für Sängerin wie Pianist äußerst virtuos.

In seinem Werk verband Aaron Copland (1900–1990) das europäische Erbe mit den spezifischen Musikformen Nordamerikas. Auch durch sein pädagogisches Wirken und sein Engagement für andere amerikanische Komponisten hat Copland viel zum musikalischen Selbstverständnis der USA beigetragen. Er studierte mit Anfang zwanzig bei Nadia Boulanger in Paris, die ihn in dem Bestreben unterstützte, eine eigenständige amerikanische Musik zu schaffen. Copland setzte sich auch mit der Zwölftontechnik auseinander und ließ Einflüsse von Jazz und Folk in seine Kompositionen einfließen. Der humoristische Song „I Bought Me a Cat“ stammt aus der Sammlung Old American Songs, die Anfang der 1950er-Jahre entstand.

Seymour Barab (1921–2014) war ein hervorragender Cellist und begann erst im Alter von über dreißig Jahren nach einem Paris-Aufenthalt mit dem Komponieren. Er schuf mehr als zweihundert Lieder und dreißig Opern. „One Perfect Rose“ ist eine unterhaltsame Satire und gehört zu einer Serie von 24 Vertonungen nach Gedichten der bekannten amerikanischen Schriftstellerin Dorothy Parker.

Im Alter von sieben Jahren komponierte Celius Dougherty (1902–1986) sein erstes Lied und begleitete seine Mutter bereits im Alter von zehn Jahren bei einem Liederabend als Pianist. Später agierte Dougherty als Klavierbegleiter zahlreicher amerikanischer Sänger, die häufig seine Lieder in ihr Repertoire aufnahmen. Insgesamt schrieb Dougherty etwa 200 Lieder, viele davon sind heiter bis humorvoll  und haben einen exzellent gestalteten und interessanten Klavierpart.

Richard Hundley (*1931) gilt heute als einer der führenden Komponisten von Kunstliedern. Die Zeitschrift Musical  America pries ihn als „eine Art amerikanischer Poulenc, Experte für charaktervolle Melodien, die mit harmonischen Überraschungen aufwarten“.

Mit seiner Doppelbegabung als Pianist und Komponist gehört John Musto (*1954) zur Generation erfolgreicher Gegenwartskomponisten in Amerika. Er komponiert für alle wichtigen Gattungen und tritt als Solist, Kammermusikpartner und Liedbegleiter auf. „Musto ist nicht nur der führende Liedkomponist seiner Generation, sondern vielleicht auch der führende Opernkomponist“, schrieb das Fanfare Magazine.

George Gershwin (1898–1937) wurde nur 38 Jahre alt. Er komponierte in seinem kurzen Leben mehr als 500 Lieder für Musicals und Filme und avancierte zum bekanntesten US-amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Musik vermittelte Gershwin ein typisch amerikanisches Lebensgefühl und bediente sich dabei aus einem großen Fundus an Stilen und Einflüssen.

Songs wie „I Got Rhythm“ oder „Summertime“ gehören längst zu den Klassikern der Jazz-Repertoires. Der Song “Someone to Watch Over Me” stammt aus dem Musical Oh, Kay! von 1926. 

Dorle Ellmers

 

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